28.07.2010
Von der Stadt auf den Berg
Die erste Ausgabe des „Brixen Dolomiten Marathon“ verlangte den Läufern einiges ab: eine anspruchsvolle Laufstrecke und hohe Temperaturen zwangen dazu, den inneren Schweinehund gar einige Male zu überwinden.
Pünktlich zum Jubiläum der Sportgeschichte – exakt 2.500 Jahre nach der Schlacht bei Marathon – wurde am 3. Juli in Brixen zum ersten Mal der „Brixen Dolomiten Marathon“ ausgetragen – ein Marathonlauf, der allein durch den Streckenverlauf und das beeindruckende Dolomiten-Panorama zu einem festen Bestandteil im internationalen Laufkalender werden könnte.
Der Lokalmatador Christian Jocher, perfekter Kenner des Ploseberges und fixe Größe der Südtiroler Läuferszene, hatte vor etwa zwei Jahren die Idee zu diesem Wettbewerb. Er lief sämtliche Teilstrecken ab und erarbeitete eine Streckenführung, mit der er große Begeisterung wecken konnte: Das doppelte Erlebnis Stadt-Berg – ganz im Sinne der Marke Brixen –, kombiniert mit dem Zielblick vom Telegraphen auf der Plose zum 1.890 Meter tiefer gelegenen Domplatz sollten zum Höhepunkt dieses anspruchvollen Laufes werden. Sogleich bildete sich ein Organisationskomitee, dem Claudio Zorzi vorsteht und das von Christian Jocher, Helmuth Profanter, Brigitte Salcher, Oskar Zorzi, Paul Profanter, Werner Zanotti und Oliver Schenk in technischer sowie organisatorischer Hinsicht unterstützt wird. Die erste Ausgabe des Marathonlaufes wurde organisiert, und man wartete gespannt darauf, welchen Anklang dieser Lauf wohl finden würde.
Über 350 Läufer meldeten sich schlussendlich für die Premiere des „Brixen Dolomiten Marathon“ an – und diese Anzahl war bereits ein erster Erfolg. Wie es bei Premieren so üblich ist, weiß keiner wirklich genau, welche Überraschungen auf einen warten, sei es als Läufer wie als Organisator. Als am frühen Samstagmorgen jedoch die Läuferinnen und Läufer nach und nach am Domplatz eintrudelten, legten sich auch die letzten Zweifel: Dabei sein ist alles, lautete das Motto; Neugierde und Freude verdrängten sämtliche Befürchtungen.
Pünktlich um 8.30 Uhr feuerte Bürgermeister Albert Pürgstaller schließlich den Startschuss für das Rennen ab: Vom Domplatz aus starteten die Läufer mit voller Kraft voraus, jeder wollte seine Laufform überprüfen. Nach einer längeren Laufstrecke durchs Stadtgebiet gelangten die Teilnehmer ans schattige Eisackufer, der Schweiß rann bereits jetzt über ihre Rücken – und ein äußerst heißer Tag mit über 35 Grad Celsius stand noch bevor. Von der Widmannbrücke ging es über die Karlspromenade zur alten Millander Kirche, von dort über Wald- und Wiesenwege nach Mellaun, Obermellaun bis hin zur Talstation der Plose-Seilbahn auf 1.062 Metern.
Hier befanden sich die erste Wechselzone für die Staffelläufer und eine größere Labestation. Zahlreiche Zuschauer säumten die Strecke, trieben die Athleten mit lauten Zurufen an. Diese nahmen nun die weiteren Höhenmeter in Angriff und liefen auf Wald- und Forstwegen weiter nach Afers – wiederum waren etwa 500 Höhenmeter geschafft. Auch hier warteten fleißige Helfer und Feuerwehrleute bei der zweiten Wechselzone, boten den Läufern erfrischende Getränke und Energieriegel an. Mit der einzigartigen Kulisse des Peitlerkofels und der Geisler vor Augen führte die Strecke auf Asphaltwegen taleinwärts, Richtung Schatzerhütte. Die Sonne knallte herab, die Hitze machte den Läufern auf diesem Abschnitt arg zu schaffen. Doch der unbändige Wille, den Marathon zu schaffen und den inneren Schweinehund zu überwinden, trieb die Athleten immer weiter – von der Schatzerhütte aus gemächlich bergauf und über Wiesenteppiche hinauf zur Bergstation der Ploseseilbahn nach Kreuztal auf 2.070 Metern, wo sich die dritte und letzte Wechselzone befand.
Viele Zuschauer waren bereits mit der Seilbahn herauf gefahren und verfolgten das Geschehen mit Spannung: Wer würde als erster Einzelläufer ankommen? Welche Mannschaft wechselt als erste die Staffel? Nun stand das wahrscheinlich schönste Teilstück der Strecke an: über den Grantensteig hin zur Ochsenalm. Die vielen Wanderer machten den Läufern den Weg frei, feuerten die Athleten an. Die letzen 3,2 Kilometer mit 400 zu bewältigenden Höhenmetern waren noch zu absolvieren, hinauf zum Leonharder Kreuz und zur Plosescharte. Dieser Abschnitt barg so seine Tücken in sich: Selbst der spätere Gewinner Hermann Achmüller bewältigte den letzten Aufstieg teilweise auf allen Vieren. Wie zur Belohnung folgte ein ebenes Stück Alpinsteig mit Rundum-Blick auf die einzigartige Bergkulisse von Dolomiten, Stubaier und Zillertaler Alpen, der wenigstens für einige Momente die gewaltigen Anstrengungen vergessen ließ.
Nach einem leichten Anstieg zum höchsten Punkt des Marathons, dem Telegraphen auf 2.486 Metern, war das lang ersehnte Ziel bereits in Sicht: der Ziellauf führte über eine etwas abschüssige Strecke hin zur Plosehütte. Geschafft! Zwei Hostessen warteten hier mit dem Zielband auf der exakten Marke von 42,195 Kilometern. Favorit Hermann Achmüller aus Pfalzen durchlief dieses Band als Erster, mit einer Zeit von 3.37,04. Eigentlich hatte er mit einer Gesamtzeit von 3.15 Stunden spekuliert, aber die Hitze und die Bergteilstücke hatten es in sich. Dennoch sah man dem Sieger die Strapazen kaum an, mit einem lachenden Gesicht gab er schon bald seine ersten Interviews.
Als Gesamt-Zweiter lief Alfred Mair aus Sexten über die Ziellinie, mit einer Zeit von 3.51,32; der dritte Platz ging an Paul Gschliesser aus Ratschings mit 3.53,45. Bei den Damen war Irene Senfter aus Lana mit einer Zeit von 4.47,11 die Schnellste, gefolgt von Astrid Perathoner aus Bozen mit 5.01,05 und als Dritte die Lokalmatadorin Daniela Pivetta aus Brixen mit 5.01.30. Die schnellste Staffel war jene vom Team „Telmekom“ bestehend aus Alexander Wenin, Michael Fischer, Martin Obexer und Norbert Testor mit einer Gesamtzeit von 3.21,45.
Insgesamt liefen 252 Läuferinnen und Läufer ins Ziel ein, davon 176 Einzelläufer und 19 Staffeln – alle wurden vom Speakerduo Silvia Fontanive und Claudio Cestari euphorisch begrüßt. Doch nicht nur die Läufer hatten Großes geleistet: Auch die 160 freiwilligen Helfer hatten am Erfolg mitgewirkt. Feuerwehren, die Bergrettungsdienste von AVS und CAI sowie Mitglieder des Weißen Kreuzes, des Roten Kreuzes und des Zivilschutzes waren im Einsatz, sicherten die Strecke oder verköstigten die Athleten nach dem Lauf mit einem vorzüglichen Nudelgericht. Die Siegesfeier fand dann am Abend beim Festplatz in St. Andrä statt – wobei leider nicht alle dabei sein konnten, da die meisten bereits den Heimweg angetreten hatten.