28.07.2010
Lagerfeuer & Fahnl stehlen
Alljährlich hält der Pfadfinderstamm St. Michael aus Brixen ein Sommerlager ab, bei dem die Grundwerte der Pfadfinderbewegung gelebt werden. Eine Reportage aus der Welt der Pfadfinder.
Langsam wird es schon düster, als ich den Lagerplatz der Pfadfinder bei Terenten erreiche. Zu meinem Erstaunen sieht er aus wie ein kleines Dorf, das die Pfadfinder innerhalb nur eines Tages selbst aufgebaut haben: Sechs große Schlafzelte und ein riesiges Küchenzelt machen aus der einst leeren Wiese eine richtige Wohnsiedlung. Acht Tage lang verbringen hier 20 Kinder und sechs Leiter des Pfadfinderstammes St. Michael aus Brixen ihr Sommerlager.
Eine Woche lang in der Natur leben, ohne Strom, ohne elektrische Geräte, ohne Handys, ohne iPods, ohne Fernseher, ohne all jene Sachen, die für uns im Alltag so selbstverständlich geworden sind – für Kinder und Leiter immer wieder ein einmaliges Erlebnis. Das Sommerlager findet jedes Jahr im Juli statt; in dieser Zeit sollen sowohl Kinder als auch Leiter die Natur von ihrer schönsten Seite sehen und lernen, mit und in ihr zu leben. In der Mitte des Platzes steht ein riesiger Fahnenmast, an dessen oberen Ende die Pfadfinderfahne heftig weht. Am Rande des Waldes wurde ein aus zwei Baumstämmen und mit einem dicken Seil zusammengebundenes, etwa vier Meter hohes Kreuz aufgestellt. An dieser Stelle wird am Vorabend des letzten Tages der Brixner Pater Anthony eine kleine Messe zelebrieren.
Langsam bricht die Nacht über uns herein. Fein herausgeputzt in grauer Kluft und mit Stufenhalstuch finden sich die Anwesenden an der Feuerstelle zusammen. Sechs hell erleuchtete Fackeln strahlen durch die Finsternis. Trotz der späten Stunde ist es noch relativ warm. Die Kinder werden in kleine Gruppen eingeteilt und erhalten pro Gruppe eine Fackel. In Abständen gehen sie durch den düsteren Wald. Das einzige Licht spendet ihnen das Feuer der Fackel. Nach zehnminütiger Wanderung kommen die Gruppen außerhalb des Waldes an eine Lichtung. Wie im Bilderbuch eröffnet sich mir der Blick auf den wohl schönsten Sternenhimmel, den ich je sah: Tausende Sterne funkeln auf uns herab, während wir uns in völliger Stille in einem Kreis aufstellen.
Heute ist für die Pfadfinder die wohl wichtigste Nacht der ganzen Woche, die Nacht der Versprechensfeier: Jene, die in eine höhere Stufe aufsteigen, dürfen heute ihr Versprechen ablegen, das in der Regel aus einem Vorsatz besteht, den sich jedes Mitglied individuell aussucht, um zu zeigen, was ihm am Pfadfindersein wichtig ist.
Die jüngste Stufe wird dabei von den „Wölflingen“ gebildet – das sind Kinder zwischen acht und elf Jahren, die man an ihrem grünen Stufenhalstuch erkennt. Darauf folgen die 11- bis 14-jährigen „Jungpfadfinder“ mit dem blauen Tuch, die 14- bis 16-jährigen „Pfadfinder“ mit dem orangefarbenen Tuch und die „Rover“ ab 16 Jahren mit dem braunen Tuch. Das braune Tuch mit der gelben Umrandung ist das Kennzeichen für die „Gilde“, die Leiter der Pfadfindergruppen.
Nacheinander wird jeder Einzelne aufgerufen und tritt in die Mitte des Kreises. Er reicht dem Stammesleiter die linke Hand und erhebt die rechte, um das Versprechen zu geben. Dabei überdeckt der Daumen den kleinen Finger, was das Zeichen für „Der Große beschützt den Kleinen“ ist. Nach dem Versprechen tritt man wieder in den Kreis zurück. Es ist eine wundervolle Zeremonie, bei der die jungen Pfadfinder den Abschluss der einen Stufe und den Beginn der neuen feiern. Um Mitternacht gehen wir in einer geschlossenen Gruppe wieder zum Lagerplatz zurück, wo wir noch gemütlich vor dem Lagerfeuer sitzen und die Nacht genießen.
Der Pfadfinderstamm St. Michael wurde 1976 gegründet und besteht heute aus etwa 70 Mitgliedern. Seither bekannt und beliebt ist das Pfadfinder-Nachtspiel, das alljährlich auf dem Programm des Sommerlagers steht: Sobald die Nacht einbricht, müssen die Kinder bestimmten Hinweisen folgen und die einzelnen Aufgaben bestehen. Heuer mussten sie sogar einen Zaubertrank aus Kräutern mixen und ihn den zwei schwarzen, als Hexen verkleideten Pfadfinderleiterinnen bringen, die ihnen mit schauriger Stimme und gruseligen Gesten zum nächsten Schritt verhalfen. Doch nicht nur in der Nacht sind die Pfadfinder aktiv: Am Tag wird fleißig ein Spielfeld mit Seilen abgesteckt und eine Dusche mit Plastikplanen gebaut. Nach der Arbeit kommt ja bekanntlich das Vergnügen, das beim Sommerlager mit Sicherheit nicht zu kurz kommt. Durch ein abwechslungsreiches Programm mit Spielen, wie zum Beispiel großes „Fahnl stehlen“ und dem Nummernspiel sowie anderen Aktivitäten wie kleinen Wanderungen oder Schwimmen in nahe gelegenen Seen machen jedes Sommerlager zu einem einmaligen Erlebnis.
Nach einem ereignisreichen Tag sitzen wir abends am Lagerfeuer zusammen und singen Lieder, bevor wir uns einen erholsamen Schlaf gönnen. In der „Nacht des Überfalls“ müssen sich die Kinder allerdings auf eine Ruhestörung einstellen: Dann schleichen sich dunkel verkleidete Pfadfinder eines anderen Stammes aus Südtirol an den Lagerplatz heran und warten, bis alle schlafen. Sobald kein Laut mehr zu hören ist, beginnen sie mit dem nächtlichen „Überfall“. Sie rennen wild über den Platz, locken die Kinder aus ihren Zelten – und das Räuber- und Gendarm-Spiel zwischen Kindern und den „Überfällern“ kann beginnen. Bei diesem Spiel ist der Teamgeist der Lagerbewohner gefragt, denn wenn man nicht aufpasst, kann schon mal der eine oder der andere in den dunklen Wald verschleppt werden. Doch sobald der letzte „Überfäller“ geschnappt wurde, ist das Spiel zu Ende und alle dürfen wieder in ihre kuscheligen Schlafsäcke kriechen.
Entwicklung des Pfadfinder-Lagers
Das erste experimentelle Pfadfinderlager wurde 1907 von Robert Baden-Powell, einem britischen General, auf dem englischen Brownsea Island durchgeführt. Baden-Powell entwickelte aus den Erfahrungen dieses Lagers die Prinzipien der Pfadfinderbewegung, die er in seinem 1908 erschienenen Buch „Scouting for Boys“ beschreibt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts breitete sich die Pfadfinderbewegung auf der ganzen Welt aus. Sie wurde schon nach wenigen Jahren in drei Altersstufen gegliedert, um altersgerechte Lern- und Erlebnisräume zu schaffen. Ziel der Pfadfinderbewegung ist es, „zur Entwicklung junger Menschen beizutragen, damit sie ihre vollen körperlichen, intellektuellen, sozialen und geistigen Fähigkeiten als Persönlichkeiten, als verantwortungsbewusste Bürger und als Mitglieder ihrer örtlichen, nationalen und internationalen Gemeinschaft einsetzen können. Als Methode wird ein System fortschreitender Selbsterziehung angewandt, das sich aus vier Elementen zusammensetzt: dem Pfadfindergesetz und Pfadfinderversprechen, dem „Learning by Doing“ (Lernen durch Tun), der Bildung kleiner Gruppen und der Durchführung von verschiedenen Aktivitäten. Das Pfadfindergesetz (oder die Pfadfinderregel) und das Pfadfinderversprechen dienen vor allem dazu, sich für die gemeinsamen Werte der Pfadfinderbewegung zu verpflichten. Mit der Betonung des „Learning by Doing“ wird das erfahrungs- und handlungsorientierte Lernen als zentrale Lernmethode der Pfadfinderbewegung festgelegt. Die Einteilung in kleinere Gruppen dient dabei zur frühzeitigen Übernahme von Verantwortung, fördert die Selbständigkeit jedes Einzelnen sowie die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und Zuverlässigkeit. Die zahlreichen, zumeist spielerischen Aktivitäten bauen stufenweise auf bereits erworbene Erfahrungen auf, vermitteln sinnvolle Fertigkeiten und stärken den Kontakt mit der Natur. Um die unterschiedlichen Attraktivitäten in ein einheitliches Arbeitsprogramm einzubinden, haben viele Pfadfinderverbände aufeinander aufbauende Abzeichen- und Stufensysteme entwickelt.