28.07.2010
Aus Militärbasis wird…?
Nach der Übergabe des NATO-Stützpunktes in Natz an das Land Südtirol stellt sich nun die Frage, was auf dem zehn Hektar großen Grundstück entstehen soll. Einige Ideen schwirren bereits herum – doch noch ist nichts fix.
Für die Gemeinde Natz-Schabs und vor allem für die Natzner Bevölkerung erfüllt sich ein Herzensanliegen: Seit kurzem gehört das Areal der ehemaligen NATO-Basis der Provinz Bozen-Südtirol. Die Übernahme des Eigentums durch die Landesverwaltung setzt gleichzeitig einen Schlusspunkt unter eine beinahe 50-jährige Geschichte, die Natz trotz der vielen anderen Militärareale in unserem Land eine Ausnahmestellung hatte einnehmen lassen.
Das „NATO-Areal“, wie es gemeinhin genannt wird, ist knapp über zehn Hektar groß und befindet sich, von Schabs kommend, wenige hundert Meter vor Natz auf einer leichten Anhöhe. Es hat die Form eines lang gezogenen Rechteckes, das mit einem Zaun umgeben ist und im Inneren eine Zweiteilung aufweist: Auf jener Hälfte, die Richtung Raas orientiert ist, steht ein Gebäudekomplex aus Lagerhallen und anderen Funktionsräumen. Auf der anderen Hälfe befindet sich ein Hochsicherheitsbereich, der im bereits umzäunten Areal nochmals mit zwei weiteren Zäunen abgesichert wurde. „Darin werden sich wohl die Kurzstreckenraketen und die atomaren Sprengköpfe befunden haben“, vermutet Gemeindereferent Johann Huber. Er hat als Jugendlicher in den Jahren 1963/64 den Bau des NATO-Stützpunktes miterlebt.
Johann Huber ist sich sicher, dass im Areal tatsächlich atomare Sprengköpfe gelagert worden sind. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie die Materialtransporte mit massiven Straßensperren samt Hubschrauberüberwachung begleitet wurden. Die umliegenden Felder waren mit Servituten belastet, wobei die unmittelbar angrenzenden Felder nur mit niedrigen Kulturen wie Gemüse oder als Wiese bewirtschaftet werden durften.
1965 waren dann amerikanische Soldaten ins Dorf eingezogen, die auf der Basis ihren Dienst leisteten. Sie wohnten außerhalb des Stützpunktes, unter anderem in einem eigens für sie bestimmten Teil der Militärkaserne in Elvas oder in Hotels und Privatunterkünften in Natz und den umliegenden Dörfern. Die US-Boys sorgten damals für einige Bewegung und auch einem finanziellen Aufschwung in einer nach heutigen Maßstäben armseligen Zeit, in der nur wenige ein Badezimmer, einen Fernseher, ein Telefon oder ein Auto ihr Eigen nennen konnten. Die Soldaten erhielten hingegen einen stattlichen Sold, den sie vor Ort auch ausgaben. Und sie brachten das eine oder andere begehrte amerikanische Produkt wie beispielsweise Cola-Dosen mit aufs Hochplateau.
Neben der Neugierde regte sich aber auch die Angst: Niemand wusste genau, was im streng bewachten Stützpunkt so vor sich ging. Nur wenige Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer und mitten im Kalten Krieg flossen die Informationen nur spärlich oder gar nicht: Warum gerade Natz? Und was wird dort tatsächlich gelagert? „Von der Bevölkerung hat während der amerikanischen Präsenz kein Natzner einen Fuß ins Areal setzen können, und auch das italienische Militär durfte nur die Außenzäune bewachen“, erzählt Johann Huber.
1979 erlangte der NATO-Stützpunkt dann neue Brisanz: Nach dem Nachrüstungsbeschluss der NATO wurde in den Medien von der Stationierung atomarer Lance-Raketen berichtet, die eine Reichweite von 120 Kilometern haben sollten. In der Bevölkerung keimte die Angst erneut auf, erster Widerstand gegen die atomare Gefahr regte sich: Am Ostersonntag 1984 zogen zahlreiche Menschen in einem Friedensmarsch hin zum Stützpunkt. Noch im selben Jahr gab das amerikanische Militär die Basis auf – wobei diese Protestkundgebung wohl kaum den Ausschlag hierfür gegeben haben dürfte. Vielmehr darf dieser Rückzug wohl auf das bessere politische Klima zwischen Ost und West zurückzuführen sein. Das Areal wurde nun, Mitte der Achtziger Jahre, dem italienischen Militär übergeben – sorgte aber weiterhin für Zündstoff.
Anfang der Neunziger führte die Meldung, dass der Stützpunkt reaktiviert und erweitert werden sollte, erneute zu einiger Aufregung: Das italienische Militär plane hier die Errichtung eines Treibstoff- und Munitionslagers, so die Mitteilung einiger Medien. Eine Aktionsgruppe mit dem heutigen Bürgermeister Peter Gasser, dem Gemeindereferenten Johann Huber und Josef Michaeler an der Spitze begann unmittelbar, Widerstand zu organisieren. Dieser gipfelte in einer Protestkundgebung vor der SVP-Zentrale in Bozen, an der zahlreiche Gemeindebürger teilnahmen. Die Landespolitik war damals jedoch in einer Zwickmühle: Das Militär hatte für die Errichtung eines zentralen Treibstofflagers die Abgabe von mehreren anderen Kasernen in Aussicht gestellt.
Ob es nun der Bürgerprotest war oder die geänderte Weltlage mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem damit einhergehenden Ende des Kalten Krieges – darüber kann heute nur gemutmaßt werden. Jedenfalls wurden die Pläne für ein Treibstoffdepot schlussendlich doch noch ad acta gelegt. Bei den Natznern aber blieb die Angst, dass irgendein Militärstratege für das Gelände einen neuen Verwendungszweck finden könnte. Und so mobilisierten sie in den vergangenen Jahren die SVP-Vertreter in Rom und die Landespolitiker, um vom italienischen Militär eine Eigentumsübergabe zu erreichen.
Seit einigen Wochen ist diese Übergabe nun fix: Das Land Südtirol ist die neue Eigentümerin dieser großräumigen Fläche. Doch was soll mit diesem Grundstück geschehen, das von der Natur zurückerobert wurde, weil sich jahrelang kein Mensch darin aufgehalten hat? Landeshauptmann Luis Durnwalder forderte den Bürgermeister der Gemeinde Natz-Schabs bereits auf, mit einer entsprechenden Konzeptarbeit zu beginnen, die sie selbst zu bezahlen hat. Und dabei hat Durnwalder bereits angedeutet, dass das Land einen Teil der Fläche selbst behalten könnte, um sie beispielsweise dem land- und forstwirtschaftlichen Versuchszentrum Laimburg zur Verfügung zu stellen.
Sicher ist jedenfalls, dass das Grundstück nicht an die früheren Besitzer oder an interessierte Bauern verkauft wird, wie es mehr oder weniger scherzhaft in manchem Gespräch angedeutet wurde. Dass es dafür genügend Kaufinteressenten gegeben hätte – davon kann man wohl ausgehen.
Ebenfalls begraben wurde ein Projekt für die Errichtung eines Golfplatzes, von dem vor Jahren öfters die Rede war. Die zehn Hektar Fläche reichen dafür nicht aus, und es dürfte zudem kaum möglich sein, die Natzner Bauern zu überzeugen, dass sie die Grundflächen für einen Golfplatz abtreten sollen. Bürgermeister Peter Gasser bringt hingegen bereits seit längerem immer wieder die Ansiedlung eines Naturbadeteichs mit Freizeitpark ins Gespräch.
Zunächst gilt es aber wohl zu klären, wie die Gemeinde Natz-Schabs die Konzeptfindungsphase grundsätzlich gestalten will. „Wir planen, für die Gemeinde eine Art Masterplan entwickeln zu lassen, und ich denke, dass dabei die künftige Verwendung des Areals ein wichtiges Thema sein wird“, erklärt Peter Gasser. Nichtsdestotrotz fordert er alle Bürger auf, etwaige Vorschläge in der Gemeinde zu deponieren, so dass diese in die weiteren Überlegungen einfließen können.
Dabei werden wohl viele Faktoren zu berücksichtigen sein: Soll eine Struktur entstehen, die eine touristische Anziehungskraft hat? Soll das Areal ganzjährig oder nur saisonal genutzt werden? Wer übernimmt Betrieb und Wartung – und braucht es dafür neues Gemeindepersonal, das wiederum Folgekosten verursacht?
Damit stellt sich auch schon die Frage nach der Finanzierung des weiteren Vorgehens: Bereits der Abbau der Anlagen dürfte einiges an Geld verschlingen. Peter Gasser schweben bereits mehrere Finanzierungsquellen vor; unter anderem denkt er auch laut an die Gelder, die für die Umweltausgleichsmaßnahmen für den Bau des Brennerbasistunnels ausbezahlt werden sollen. Doch diese finanziellen Mittel sind, obwohl fix zugesagt, angesichts der anhaltenden Diskussion über die endgültige Finanzierung des BBT mehr als ungewiss. Zudem wäre es wohl politisch ungeschickt, wenn zuerst ein Teil dieses Geldes nach Natz fließen würde, bevor in Aicha die versprochene Lärmschutzwand realisiert worden ist.
Eine andere mögliche Geldquelle ergibt sich aus den finanziellen Mitteln für die Ausgleichsmaßnahmen, die die SEL in ihrem Ansuchen um eine Konzession zur Stromproduktion in der Hachl in Aussicht gestellt hat. „Durch unser Gemeindegebiet zieht sich ein großer Teil der Druckstollen, durch die das Wasser aus den Stauseen von Franzensfeste und Mühlbach fließt. Deshalb steht uns auch ein Teil dieser Gelder zu“, fordert Peter Gasser. Auch im Auftrag der angrenzenden Gemeinden hat er einen Berater aus dem Vinschgau engagiert, um die Kriterien für die Verteilung dieser Umweltgelder zu erarbeiten. Als dritte Geldquelle schließt der Bürgermeister von Natz-Schabs auch Zuschüsse von Seiten des Landes nicht aus, sofern ein Projekt von Landesinteresse verwirklicht werden sollte.
Es gibt also noch viel zu klären – und es dürfte wohl noch einige Zeit vergehen, bis eine Entscheidung über die zukünftige Nutzung des Ex-NATO-Stützpunktes zu fällen sein wird.