28.07.2010
Porträt: Roswitha Dander
ROSWITHA DANDER stand 45 Jahre lang ohne Unterbrechung im Dienst der Schule – anfangs als junge Lehrerin einer Einheitsmittelschule, in den vergangenen 16 Jahren als Direktorin der Mittelschule Oswald von Wolkenstein. In einigen Wochen tritt sie ihren Ruhestand an.
In jungen Jahren, da wäre sie gerne weggegangen, irgendwohin, hinaus in die Welt. Daraus wurde nix: „Ich war mein Leben lang in Brixen“. Sie ist hier geblieben – und wurde zu einer echten Pionierin im Bereich der Einheitsmittelschule.
Als Roswitha Dander 1965 als blutjunge Lehrerin an der gerade gegründeten Mittelschule in Mühlbach die Fächer Deutsch, Geschichte und Geographie unterrichtete, gab es dort lediglich zwei Klassenzüge, und alle Lehrpersonen waren neu. Es gab zwar keine Hierarchie im Lehrerkollegium, man konnte sich aber auch nicht mit erfahrenen Kollegen beraten. Der älteste Schüler, den sie in ihrem ersten Jahr unterrichtet hatte, war 17 Jahre alt; sie selbst war eine Woche vor Schulbeginn gerade erst 18 geworden.
Einheitsmittelschulen schossen nach der Schulreform von Ende 1962, die den kostenlosen Besuch der Pflichtmittelschule einführte, wie Pilze aus dem Boden, und die Direktoren hielten aufgrund des eklatanten Lehrermangels unter den frisch gebackenen Maturantinnen und Maturanten Ausschau nach geeigneten Lehrpersonen. „So nahm das Schicksal eben seinen Lauf“, meint Roswitha Dander heute schlicht, denn eigentlich habe sie Soziologie studieren wollen. Nach einem Jahr in Mühlbach wechselte sie dann an die Mittelschule in Vintl, weil den Eltern in Mühlbach die Tatsache, dass die junge Lehrerin einen Freund hatte, offenbar ein Dorn im Auge war. Roswitha Dander heiratete dann mit 19, bekam mit 20 ihre Tochter, und zwei Jahre darauf wurde ihr Sohn geboren. „Man konnte damals sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin und für acht Wochen nach der Geburt in Mutterschaftsurlaub gehen, mehr war nicht drin“.
Heute wundert sie sich selber ein bisschen darüber, wie sie das alles geschafft hat, „aber Gott sei Dank konnte man sich damals noch ein Hausmädchen leisten“. Neben Kindern, Beruf und Haushalt strebte Roswitha Dander auch einen Studienabschluss an, wandte sich ab von der Soziologie und „sattelte um“ auf „Lettere Moderne“ an der Universität von Padua: „Das hat sich so angeboten, weil diese Universität auch einen Sitz in Brixen hat“.
Die neuen Mittelschulen waren für alle Beteiligten eine echte Herausforderung. Es gab sehr viele Schüler, ständig Platzmangel, „in Vintl mussten wir in die Krautfabrik ausweichen“, und es fehlten geeignete Unterrichtsmaterialien. Was den Lehrpersonen von damals aber gemein war, war jene große Portion Enthusiasmus, die die Pionierarbeit ausmacht. Wenn Roswitha Dander heute an jene Zeit zurückdenkt, so tut sie dies mit einem Anflug von Wehmut: „Die Schüler damals waren anders, ruhiger, folgsamer und weniger abgelenkt, und auch die Eltern waren anders“. Der Alltag, nicht nur der in der Schule, war klarer, „vielleicht, weil alle, Eltern und Lehrer, dieselbe Haltung hatten“. Die übergroße Freiheit, die Kindern heute zugestanden wird, und das schier unüberschaubare Bildungsangebot bergen auch manchen Nachteil.
Die Einheitsmittelschule ist in den Augen von Roswitha Dander nach wie vor „vom Konzept her sehr sinnvoll“, auch wenn in den letzten Jahren vieles verwässert worden sei. Am heutigen Schulsystem kritisiert sie vor allem, „dass es nicht mehr ein System für alle ist“. Eltern würden wieder verstärkt das Besondere für ihre Kinder suchen. „Dabei sollte es einzig und allein darum gehen, dass die Kinder sich wohl fühlen“, meint die engagierte Frau, hinter deren Sanftheit sich eine unglaubliche Kraft verbirgt.
Sie selbst hat schon früh gemerkt, „dass es eigentlich gscheiter gewesen wäre, ein Bub zu sein, denn wir Mädchen waren einfach um ein Vielfaches eingeschränkter in unseren Chancen“. Roswitha Dander ist deswegen nicht zu einer „militanten Feministin“ geworden, die Sensibilität gegenüber den Bedürfnissen der Mädchen war aber stets präsent.
45 Jahre lang stand Roswitha Dander ohne Unterbrechung im Dienst der Schule – 45 Jahre, die geprägt waren von wirklichen und vermeintlichen Reformen, in denen sie sich voll und ganz mit der Schule identifiziert hat, in denen ob der vielen Arbeit auch soziale Kontakte auf der Strecke geblieben sind. Im „Oswald“, der kleinen und sehr pfiffig gestalteten Schulzeitung der Mittelschule Oswald von Wolkenstein, kurz „Wolki“ genannt, kündigt die Redaktion auf der Titelseite das an, worüber schon lange gemunkelt wurde: Frau Direktor Dander wird mit Beginn des kommenden Schuljahres in den Ruhestand gehen.
Mit ihr verabschiedet sich die bislang zweite Direktorin dieser Schule. Der erste Direktor war Edi Innerkofler; er lenkte 24 Jahre lang die Geschicke der Schule und setzte sich auch dafür ein, dass „die Wolki“ nach Oswald von Wolkenstein benannt wurde. In seinen Augen war der Minnesänger gescheit, etwas verwegen, neugierig, hat mehrere Sprachen gesprochen, so manches in seinem Leben riskiert und auch nicht immer alles richtig gemacht – das ideale Vorbild eben für junge Menschen. Und Roswitha Dander hat unbestreitbar in seinem Sinn ihre Schule geführt, das Ohr immer am Puls der Zeit, mit innovativen Ideen und vor allem mit dem Mut, diese auch umzusetzen.
Roswitha Dander wurde am 23. September 1947 als Zweitjüngste von acht Geschwistern in Brixen geboren. Mit sechs Schwestern und einem Bruder wuchs sie in Brixen auf. Nach der Volksschule besuchte sie die Lateinmittelschule in Brixen und im Anschluss daran das Realgymnasium. Mit 27 schloss sie ihr Studium im Bereich Geographie ab. Sie unterrichtete an den Mittelschulen von Mühlbach und Vintl, ab 1974 dann an der Mittelschule „Oswald von Wolkenstein“ in Brixen. 1989 beteiligte sie sich an einem Wettbewerb des neu gegründeten Pädagogischen Instituts und arbeitete in der Folge eine Zeit lang im Bereich der Schulentwicklung und der Lehrerfortbildung. Dann kehrte sie für 16 Jahre als Direktorin an die Mittelschule Oswald von Wolkenstein zurück. Roswitha Dander war 30 Jahre lang mit Helmuth Gutmann verheiratet. Sie hat eine Tochter und einen Sohn und vier Enkelkinder.
Zu ihren großen Leidenschaften gehören die Natur, das Reisen und ihre beiden Hunde, zwei Möpse, „die sehr menschenähnlich sind“.