Rubriken
Kunst & Kultur
24.06.2010

Mehr als Theater

Das Eisacktaler Volkstheater probt derzeit für seine bereits zur Tradition gewordene Freilichtproduktion im Schlosshof in Feldthurns: Was alles hinter diesem Theaterprojekt steckt, wie es entstand – und warum die Aufführungen nur ein einziger Bestandteil dieses Prozesses sind.
Die Zuschauertribünen mit den blitzblauen Plastiksesseln belegen den vorderen Schlosshof in Feldthurns. Am Himmel kreisen grau-schwarze Wolken über dem gegenüberliegenden Plosegipfel; kann sein, dass noch ein Gewitter die Theaterprobe unterbricht – ein Schicksalsfaktor bei Freilichtproduktionen.
Vom Holztor des Parkeingangs her tönt vielstimmiger Gesang, ein Lied der „Neuen Deutschen Welle“ aus den 80-er Jahren, mit verändertem Text im Südtiroler Dialekt. Regisseurin Monika Leitner Bonell beobachtet aufmerksam die vier Moritatensänger. „Es wäre gut, wenn ihr euch an dieser Stelle hier einmal trennt, ansonsten seid ihr während des gesamten Stücks immer auf einem Haufen“, schlägt sie den Sängern vor.

Ein Schelmenstück mit Gesang aus der Feder des bayerischen Autors Alois Johannes Lippl wurde heuer als Stück für die Theaterproduktion des Eisacktaler Volkstheaters (EVT) ausgewählt, wobei die Originalfassung des Werkes „Der Holledauer Schimmel“ drastisch gekürzt wurde: „Ursprünglich dauert das Stück an die vier Stunden – das kann man heute niemandem mehr zumuten“, meint Monika Bonell.
Für den „Holledauer Schimmel“ entschied man sich gemeinsam: „Wir haben zehn Spieler gefragt, ob sie Lust hätten, sich an der Stückwahl zu beteiligen“, erzählt Waltraud Engl, Obfrau des EVT und Gesamtleiterin der Produktion. „Der Vorstand und die Regisseurin haben im Vorfeld bereits einige Stücke vorsortiert, und die Spieler bestimmten dann mit, was schlussendlich auf die Bühne kommen sollte.“ Da nach dem vorjährigen Andreas-Hofer-Gedenkjahr der Wunsch nach etwas Leichtem, Humorvollen vorherrschte, fiel die Wahl auf diese „Schelmengeschichte aus dem Hopfenland“.
 
Das Stück erzählt von einer jahrzehntelangen  erbitterten Feindschaft zwischen den benachbarten Gemeinden Haselbach und Banzing, die immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen und Raufereien führt. Nun möchten aber die Bürgermeister Korbinian Blasl und Sebastian Ziechnaus den ewigen Zwist beenden und berufen deshalb eine Versöhnungszusammenkunft ein. Zum Erstaunen aller verkünden sie dort auch die Absicht, ihre Kinder Anna und Ander verheiraten zu wollen – die sind aber längst vergeben.
„Von einem Bild in das andere führen die Moritatensänger, die wirklich tolle Sachen entwickelt haben und für das Stück Lieder verschiedenster Musikstile adaptiert haben“, freut sich die Regisseurin.
Nun trudeln auch die ersten Spieler in den Schlosshof ein, rund 30 Leute stehen heuer auf der Bühne. Einige sind ausschließlich in Rottönen gekleidet, andere ganz in Blautönen gehalten. „Ein Kunstgriff, den ich gemeinsam mit den Kostümbildnern Sieglinde Michaeler und Walter Granuzzo ausgeheckt habe“, erläutert die Regisseurin, „die Zuschauer müssen bei dieser Masse an Spielern nämlich rasch erkennen können, wer zu den Haselbachern und wer zu den Banzigern gehört“.

Diese Vielzahl an Spielern ist durchaus gewünscht: „Die Freilichtproduktion des Eisacktaler Volkstheaters ist gleichzeitig auch ein Weiterbildungsprojekt für die Spieler der Bühnen des Bezirkes Eisacktal, an dem jeder teilnehmen kann, der Lust und Liebe hat“, erläutert Waltraud Engl. Vor den Proben findet stets eine offene Spielerschulung mit dem jeweiligen Regisseur statt, „und dann können sich die Spieler entscheiden, ob sie beim Stück mitmachen möchten oder nicht“.
Wer sich fürs Mitmachen entscheidet, auf den warten dann einige Wochen Probenzeit am Abend, „und die Wochenenden schauen wir frei zu halten, außer während der letzten zwei Wochen vor der Premiere“. Ganz schön viel Zeit und Herz wird also von jedem Einzelnen investiert, „und das ehrenamtlich: Die Spieler werden nicht bezahlt, sie spielen nur um den Applaus“. Die Kosten für die Produktion sind dennoch ohne Sponsoren nicht zu bewältigen: „Ohne finanzieller Unterstützung von Seiten der öffentlichen Hand und privaten Unternehmen wäre die Freilichtproduktion nicht durchführbar – auch, weil wir den Eintrittspreis so gestalten wollen, dass sich wirklich jeder den Besuch der Aufführung leisten kann.“ 

Zum 15. Mal findet heuer eine Freilichtproduktion statt, begonnen hatte alles im Jahr 1984. Sepp Mitterrutzner, Bezirksobmann des Eisacktales im Südtiroler Theaterverband (STV), hatte damals die Idee, anlässlich des Tiroler Gedenkjahres eine Freilichtproduktion zu organisieren. Unter der Regie von Peter Mitterrutzner wurde das Stück „Peter Mayr“ im Kutscherhof in Brixen aufgeführt, damals noch eine Produktion des Bezirkes Eisacktal im STV. „Zwei Jahre später, 1984, wurde dann dank Sepp Mitterrutzner das Eisacktaler Volkstheater gegründet, das seitdem im Zweijahresrhythmus eine Freilichtaufführung organisiert.“ Die Aufführungsorte änderten sich zunächst von Jahr zu Jahr: Gespielt wurde im Schlosshof von Feldthurns, auf dem Festplatz von St. Andrä, bei der Engelsburg von Kloster Neustift oder in diversen Theatersälen der umliegenden Ortschaften. Seit 1996 hat das EVT mit dem Schlossgarten in Feldthurns einen fixen Spielort: „Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt, hatten stets die Unterstützung der Gemeinde Feldthurns, des Tourismusvereins und des Kustosehepaars – eine Menge an Vorteilen also, die uns dazu bewogen haben, hier zu verbleiben“, so Waltraud Engl. Ein kontinuierlicher Aufführungsort, so eine weitere Überlegung, steigert zugleich auch den Stellenwert der Produktion und gibt ihr einen fixen Platz im sommerlichen Theaterreigen des Landes.
Der Spielplan ist dabei so bunt wie die Schauspielgruppe: Die letzten zwei Produktionen waren Stücke von Goldoni unter der Regie von Georg Kaser, zuvor gab es unter anderem ein Werk von Nestroy mit Leo Ploner als Regisseur, Edi Braunhofer inszenierte Federico García Lorca, selbst der „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal in Mundartbearbeitung war schon aufgeführt worden. „Wir wechseln in etwa alle zwei Jahre den Spielleiter, damit die Spieler die Möglichkeit haben, verschiedene Inszenierungsarten kennenzulernen“, erläutert Waltraud Engl. Falls ein Spieler ein Jahr lang nicht mitspielen kann oder will, so hat er mit dieser Strategie die Chance, das darauffolgende Jahr mit demselben Regisseur zu arbeiten.

In diesem Jahr lernen Spieler von 18 Bühnen der insgesamt 31 Heimatbühnen des Eisacktals die Regisseurin Monika Bonell und ihre Inszenierungsweise kennen. „Ich war wirklich überrascht und bin sehr glücklich darüber, dass sich heuer so viele Leute entschieden haben, bei der Freilichtproduktion mitzuwirken“, erzählt Waltraud Engl. Ob jünger oder älter, ob mit viel Spielerfahrung oder mit wenig – jeder ist beim Mitspielen willkommen, „wobei wir großen Wert darauf legen, dass alle Spieler und Mitarbeiter von Bühnen aus dem Eisacktal stammen“. Ziel ist es nämlich nicht nur, eine Theaterproduktion auf die Beine zu stellen, sondern auch das gegenseitige Kennenlernen, der gemeinsame Austausch und ein späterer gegenseitiger Besuch bei den jeweiligen Aufführungen der einzelnen Bühnen. „Die Bezeichnung Volkstheater ist dabei für uns Programm: Wir wollen dieses pflegen und aufzeigen, wie vielfältig es sein kann“, so Waltraud Engl.
„Das Volkstheater ist insbesondere in den Bezirken für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bühnen sehr wichtig“, meint auch Monika Bonell, „meiner Meinung nach sollte das Volkstheater mit Leuten aus dem Umkreis erfolgen und nicht mit ‚eingekauften’ Schauspielern“. Die Regisseurin und Theaterpädagogin aus Sterzing ist dabei jemand, der keinerlei Berührungsängste kennt. Seit 30 Jahren ist sie im Theater tätig, hat eine theaterpädagogische Ausbildung absolviert, fotografiert für das Theater und arbeitet mit völlig unterschiedlichen Theatergruppen: mit der Heimatbühne Ratschings – „die tiefstes Bauerntheater spielen möchte und nichts anderes“, – mit der Jugendbühne Pflersch, die Richtung Musical tendiert, mit der noch jungen Bühne in Trens, deren Vorliebe bei innovativen Stücken liegt, und außerdem wirkt sie auch bei den Sterzinger Osterspielen mit. „Ich probiere eben gerne die verschiedensten Gruppen aus und lasse mich gerne auf Experimente ein“, meint Monika Bonell dazu. „Wichtig ist für mich, dass die Gruppe gemischt ist, von Jugendlichen bis hin zu Senioren. Und dass sich die Spieler mitzumachen getrauen, sodass tatsächlich Theater vom Volk fürs Volk geschieht“.

Bunt gemischt ist auch die Spielgemeinschaft, die im Schlosshof auf der Bühne stehen wird: Die jüngste Spielerin ist zehn Jahre jung, der älteste Spieler so um die 75. „Das ist auch deswegen ideal, weil wir somit keinen Spieler älter oder jünger machen mussten; außerdem war jeder Charakter, der im Stück vorkommt, durch die Vielzahl der Spieler vorhanden.“ Einer der „Altgedienten“ ist beispielsweise Hermann Mairhofer von der Heimatbühne Vahrn, der vor über 35 Jahren seine Leidenschaft fürs Volkstheater entdeckt hat: „Ich tue nichts lieber als Theaterspielen, es ist einfach toll, dem Publikum etwas zu zeigen und es zu unterhalten.“ Und wie gefällt ihm das Spielen mit Leuten von anderen Bühnen? „Die Harmonie ist super, jeder nimmt jeden an, wie er ist – ich komme jedes Mal gerne zur Probe!“
Wie wichtig dieses Gruppengefühl ist, bestätigt auch Annegret Oberrauch, eine „junge Wilde“ von der Heimatbühne St. Andrä: „Mir gefällt das Mitwirken an dieser Produktion, weil ich neue Spieler und auch neue Regisseure kennen lerne, das ist wirklich interessant. Und wir sind eine total pärige Gruppe!“
So selbstverständlich dieser Gruppenzusammenhalt auch klingen mag – er ist es nicht. Für das Zusammenspiel müssen unter anderem häufig alte Muster aufgebrochen und eingespielte Figuren versenkt werden: „Es kommt schon vor, dass Spieler bei ihrer Bühne im Ort häufig auf einen bestimmten Charakter oder auf eine Figur festgelegt sind und diese über Jahre hinweg spielen. Das hat es hier bei dieser Produktion nicht gegeben“, erläutert Monika Bonell. „Wir haben das Textbuch gleich in die Ecke geworfen und durch Improvisationen die Szenen entwickelt. Und mit dem, das da war, haben wir die Szene gestaltet. Dabei lege ich Wert auf Spontaneität und dass sich jeder in seiner Rolle wohl fühlt – denn dann kann er diese auch spielen“. Die Ensemblearbeit liegt ihr dabei besonders am Herzen: „Wenn einige wenige Spieler die anderen an die Wand spielen, so stört mich das bei Theateraufführungen am meisten. Wir sollten dem Zuschauer schon das Gefühl vermitteln, dass wir zusammengehören und an einem Strang ziehen.“

Es wird Zeit, mit der Probe der Versöhnungsszene zu beginnen. Die Schauspieler, die in diesem Bild mitspielen, begeben sich auf ihren Bühnenplatz. Die anderen setzen sich auf die Tribüne, um das Geschehen mitzuverfolgen oder machen sich für ihren Einsatz startklar. Mit dem Rucksack auf dem Rücken verfolgt auch Edi Braunhofer vom Zuschauerraum aus das Spiel. Der Brixner Theatermacher führte in den Jahren 1988 und 1996 Regie bei der Freilichtproduktion des ETV, heuer wird er selbst als „Ziberl Toni“ auf der Bühne stehen: „Dabei bin drauf gekommen, dass ich gerne spiele – und das auch noch besser als ich glaubte. Ich bin ja eigentlich nur Regisseur geworden, weil ich kein guter Spieler war“, erzählt Braunhofer. Doch die Rolle des Außenseiters und Rächers im Stück hat ihm zugesagt, „weil ich mich darin als Edi wieder finde, und außerdem ist es eine Art Beschäftigungstherapie für mich“. Die Produktion verfolgt er klarerweise mit Argusaugen, so wie jede andere Produktion auch, die er als Zuschauer besucht. „Als Regisseur bevorzuge ich es, Theater zu machen, um im Brechtschen Sinne eine Botschaft zu vermitteln. Beim Spielen tritt dies klarerweise zurück; hier ist es interessant, mit den vielen Spielern mitzuwirken, es passt mir hier. Wenn Volkstheater gut gemacht wird, ich mich dabei gut unterhalten kann, die Spieler Präsenz zeigen und alles gut arrangiert ist, fühle ich mich wohl.“
Monika Bonell indes verfolgt das Geschehen auf der Bühne ebenso mit wachem Blick. Von der Straße her dröhnt kurz ein Motorradgeräusch – später wird sie die Spieler darauf hinweisen, dass sie ja auf die Lautstärke beim Sprechen achten müssen. Beinahe unbemerkt schlüpft indes ein Bub mit zwei Tabletts belegter Brote, eingehüllt in gelbe Servietten, durchs Eingangstor – ein Happen für den Magen der Mitwirkenden.

In den letzten drei Wochen Probezeit gibt es noch einiges zu tun: „Die einzelnen Szenen sind noch zusammenzulegen, den Ablauf müssen wir erst noch proben“, zählt die Regisseurin auf. Die Gewitterwolken oberhalb des Plosegipfels haben sich mittlerweile auch fast verzogen; es ist zwar kühl, aber glücklicherweise regnet es nicht. Mit noch größerem Interesse wird Obfrau Waltraud Engl dann das Wetter ab dem 2. Juli beobachten, wenn die zehn Aufführungen des „Holledauer Schimmel“ auf dem Spielplan stehen.

Termine:
Freitag, 2. Juli (Premiere)
Dienstag, 6. Juli
Mittwoch, 7. Juli
Freitag, 9. Juli
Samstag, 10. Juli
Dienstag, 13. Juli
Mittwoch, 14. Juli
Freitag, 16. Juli
Samstag, 17. Juli
Dienstag, 20. Juli
jeweils um 21 Uhr im Schlossgarten von Feldthurns
Eintritt: 15 Euro
Kartenvorverkauf: Infobüro Feldthurns, Tel. 0472 857 214
(Mo-Fr von 8.30-12.30 Uhr, 14.30-18 Uhr)
Hotline: 335 811 8090 oder 320 177 50 17