24.06.2010
„Nachdenkprozess anregen“
Beim Projekt „suedtirol karikiert“ wirft der in Brixen lebende Karikaturist, Illustrator und Cartoonist Robert Pichler einen unkonventionellen Blick auf das Südtiroler Alltagsgeschehen. Ein Gespräch über die Karikatur als Kunstform, das Südtiroler Selbstverständnis und das Kritisieren im Lande.
Herr Pichler, mit Ihren Karikaturen, so ist zu lesen, werfen Sie einen schrägen Blick auf das „Südtiroler Selbstverständnis“. Wie würden Sie denn dieses Selbstverständnis charakterisieren?
ROBERT PICHLER: Das Südtiroler Selbstverständnis ist eigentlich ein vager Begriff: Wenn man es auf den Punkt bringen will, ist es das, wie wir uns selbst sehen. Diese Wahrnehmung ist zwar sehr vielfältig, aber unser Bild ist oft sehr reduziert. Wenn man eine saloppe Reduktion des Begriffes „Südtiroler Selbstverständnis“ hernehmen würde, gelangt man zum „Miar sein miar“, diese etwas negativ konnotierte Einschränkung auf uns selbst. Alles, was außerhalb von uns ist, möchten wir auch möglichst draußen lassen. Dies ist aber nur ein Teil unseres Selbstbildes. Das Projekt „suedtirol.karikiert“ soll dieses Selbstverständnis erweitern – durch die satirische Betrachtung mittels der Karikatur oder anderen Beiträgen.
Die Satire wird also als Mittel eingesetzt – zu welchem Zweck?
Die Satire ist eine Betrachtungsweise, ein Zugang zu einem bestimmten Thema. Und zwar kein konventioneller Zugang, sondern ein schräger: Man betrachtet etwas von einem ungewohnten Blickwinkel aus. Satire soll zum Nachdenken anregen.
Was ist für Sie das Sympathische an der Satire, im Gegenzug zum Zynismus beispielsweise?
Der Zynismus ist gnadenlos. Im Zynismus gehe ich soweit, etwas nur schlecht zu machen. Die Satire hingegen prangert an, legt bloß, klagt auch an – aber nicht nur. Sie hat immer auch eine konstruktive Seite, und die muss sie auch haben. Es geht nicht darum, nur zu kritisieren; die Satire deutet auch Möglichkeiten an, wie es anders sein könnte. Oft zieht sie etwas bewusst ins Lächerliche, damit der Betrachter darüber lachen kann, und mit dem Lachen lässt er etwas hinter sich. Die Satire ist beispielsweise besonders geeignet, um Tabuthemen aufzugreifen und diese in einem anderen Licht zu präsentieren, damit man auch einen anderen Zugang zum Thema findet.
Wann greifen Sie bestimmte Themen in einer Karikatur auf?
Ich warte immer auf einen aktuellen Bezug, einen Anlass, beispielsweise das Fünf-Punkte-Programm der Landesregierung gegen den Rechtsradikalismus. Die Themen sind ja eigentlich immer da, kommen aber zu einem bestimmten Zeitpunkt an die Oberfläche. Jedes Thema ist spannend, wenn man näher hinschaut und dieses bearbeitet – besondere Präferenzen habe ich da nicht.
Karikaturen basieren auf ein bestimmtes Vorwissen des Betrachters. Wie schafft es ein Karikaturist dennoch, die darin innewohnende Botschaft auf einen Blick verständlich zu machen?
Die Inhalte sollten tatsächlich auf direktem Weg und verständlich beim Betrachter ankommen. Die Karikatur tut dabei nichts anderes als ein Thema zu visualisieren: Dieses wird anhand von Figuren, einem Hintergrundbild oder einem Untergrund mit wenigen Elementen stilisiert. Die Karikatur setzt zwar ein gewisses Vorwissen des Betrachters voraus, allerdings ist sie auch eine Bildersprache, und da wir ja in Bildern sprechen, ist automatisch ein Bezug gegeben. Interpretiert wird die Karikatur dann jeweils anders – wichtig ist aber, dass das Bild beim Betrachter hängen bleibt. Es soll ein Nachdenkprozess in Gang gesetzt werden, nicht nur auf der intellektuellen Ebene, sondern auch auf der Gefühlsebene.
Reicht das Karikieren einer Person aus, um einen Nachdenkprozess über ein bestimmtes Thema in Gang zu setzen – oder braucht es mehr dazu?
Einige Menschen sind natürlich willige Opfer für Karikaturisten – beispielsweise ist Silvio Berlusconi ein Glücksfall, weil er einem so viel Munition liefert. Man muss als Karikaturist aber aufpassen, dass man damit nicht übertreibt. Auf den deutschen Altkanzler Helmuth Kohl hat sich eine ganze Karikaturistengeneration eingeschossen, und die Inhalte sind dabei zu kurz gekommen. Gerade das ist aber das Gefährliche: Man kann eine Figur zwar karikieren und über diesen Weg ein Thema aufgreifen, aber die Figur allein ist meist zu wenig.
Wen sehen Sie denn als dankbare Südtiroler Opferfigur für Karikaturisten?
Natürlich den Chef, Luis Durnwalder, und alle weiteren Polit-Granden, die eine höhere Position bekleiden und in der Öffentlichkeit stehen wie beispielsweise die Landesräte Michl Laimer oder Thomas Widmann. Die Karikatur braucht auffällige, schillernde Figuren.
Hat sich schon mal jemand über eine Karikatur beschwert?
Nein, eigentlich nicht. Genau genommen bekomme ich kaum Feedback zu den Karikaturen. Aber mit den Rückmeldungen der Betrachter oder Leser ist das sowieso immer so eine Sache: Es ist schon auffällig, dass immer nur die 20 gleichen Leute Leserbriefe schreiben. Andere nehmen sich wahrscheinlich nicht die Zeit dazu, oder es ist ihnen einfach zu aufwändig.
Der Südtiroler gilt ja auf verschiedene Arten als kritikresistent: In den Achtziger Jahren war Kritik, beispielsweise auf der Bühne, noch verpönt, und heute hat man den Eindruck, man kann zwar sagen, was man will, aber es prallt meist ohne nennenswerte Reaktionen und ohne öffentlich geführte Diskussion ab.
Heute wird hier sicher viel mehr zugelassen als noch vor zehn oder 20 Jahren. Wenn ich die Kritik, die im Land durch Kabarett oder Karikatur geäußert wird, mit internationalen Arbeiten vergleiche, so sind wir aber immer noch harmlos. Was in diesem Bereichen im Ausland passiert, wäre bei uns noch gar nicht denkbar.
Sind wir harmlos, weil die Künstler sich nicht trauen, weil der Zuschauer sich verweigert oder gar, weil bei uns brenzlige Themen gerne unter den Tisch gekehrt werden?
Ich merke bei mir, dass ich selbst noch gar nicht so weit bin – und ich weiß auch gar nicht, ob ich jemals so weit kommen möchte und Themen wie beispielsweise den sexuellen Missbrauch in Schlammschlacht-Manier aufgreifen will. Wenn solche Themen ausführlich und objektiv aufgearbeitet werden, finde ich das gut. Wenn es aber nur noch in Untergriffigkeiten ausartet, die dann im Raum stehen bleiben, so ist das nicht meins. Und diese Form der Kritik sollte auch nicht der Weg sein, finde ich.
Weil dann das Konstruktive in der Kritik fehlt?
Ja. Das ist dann nur mehr der reine Zynismus.
INFO
Robert Pichler
lebt und arbeitet als Karikaturist, Cartoonist und Illustrator in Brixen; vorher war er als Sozialarbeiter tätig. Seit 2006 ist Robert Pichler freiberuflich tätig, unter anderem als Karikaturist für die Neue Südtiroler Tageszeitung und für diverse Zeitungen in Österreich und Deutschland (u.a. Falter Wien, Hamburger Abendblatt). Seine Arbeiten sind weiters im Karikaturenblog
www.robpi.blogspot.com oder dem amerikanischen Blog
www.3quarksdaily.com zu sehen.
Das Projekt „suedtirol karikiert“ basiert auf drei Säulen: zum einen eine Karikaturserie, bei dem bis Jahresende wöchentlich eine Karikatur von Robert Pichler einen schrägen Blick auf das aktuelle Südtiroler Geschehen wirft. Zum zweiten das Karikaturen-Portal
www.suedtirol-karikiert.com, auf dem Robert Pichler jeden Freitag eine aktuelle Karikatur veröffentlicht, flankiert mit Beiträgen von diversen anderen Künstlern oder Autoren. Als dritter Bestandteil gilt eine Wanderausstellung der Karikaturen, die ständig mit den aktuellen Werken erweitert wird. Vom 27. Juni bis 25. Juli sind die Karikaturen im strategisch günstigen Zustiegsbereich der Kabinen der Ploseseilbahn zu sehen. Dieser etwas kuriose Ausstellungsort entspricht der Idee, die Karikaturen möglichst nah, frech und unerwartet unter die Leute zu bringen.