24.06.2010
Strom aus Schalders?
Die Gemeinde Vahrn und die Stadtwerke Brixen haben bereits vor einiger Zeit Projekte zur Nutzung des Schalderer Baches für die Stromproduktion eingereicht. Allerdings ist es mehr als ungewiss, ob eines dieser Projekte jemals verwirklicht werden wird. Die Gemeinde Vahrn will demnächst die Bevölkerung informieren und die Stimmung sondieren.
Soll man alle Möglichkeiten nutzen, um Strom durch erneuerbare Energie zu erzeugen? Oder soll man potentielle Ressourcen in ihrer Ursprünglichkeit belassen? Dieses Dilemma ist bei der Entscheidung über den Bau eines Wasserkraftwerkes am Schalderer Bach zu lösen, dem letzten noch unverbauten Gebirgsbach des Eisacktales.
Die Stadtwerke Brixen haben im Jahr 2005 ein Projekt zur Errichtung eines Wasserkraftwerkes am Schalderer Bach beim zuständigen Amt für Energieversorgung eingereicht. „Gleichzeitig habe ich das Projekt auch in der Gemeinde Vahrn hinterlegt und der Gemeinde eine Beteiligung von 30 Prozent angeboten“, erläutert Wolfgang Plank, Direktor der Stadtwerke Brixen. Mit dem Einreichen des Projekts begann eine kurze Frist, innerhalb der Konkurrenzprojekte beim selben Amt deponiert werden konnten – was die Gemeinde Vahrn auch getan hat. „Die Vahrner Bürger hätten es nicht verstanden, wenn wir als Gemeinde Vahrn den Stadtwerken dieses Feld so einfach überlassen hätten“, ist sich der Vahrner Bürgermeister Andreas Schatzer sicher.
Somit liegen heute zwei relativ ähnliche Projekte zur Errichtung eines Wasserkraftwerkes am Schalderer Bach mit einer Kapazität von etwa sieben Millionen Kilowattstunden auf. Beide sehen auf 1.250 Metern Meereshöhe, unterhalb des Zusammenflusses des Nock- und des Schalderer Baches, eine Wasserfassung vor, von der aus das Wasser durch eine Druckleitung bis nach Vahrn geführt würde. Im Projekt der Stadtwerke ist das unterirdische Kraftwerkhaus mit Turbine und Generator im Bereich der Feuerwehrhalle Vahrn vorgesehen, die Gemeinde Vahrn hingegen würde ihr Kraftwerkhaus am Dorfende unterhalb der „Putzer Säge“ in der Nähe der Kneipp-Anlagen positionieren. „Unser Projekt würde sicherstellen, dass zukünftig wieder mehr Wasser im Bachbett entlang des Dorfes fließt“, erklärt Bürgermeister Andreas Schatzer.
Im Dorfbereich gibt es mehrere Vahrner, die bereits seit langem über eine eigene Konzession zur Stromerzeugung verfügen und diese teilweise immer noch nutzen. „In unserem Projekt würden wir diese privaten Konzessionsinhaber als Teilhaber involvieren. Ihre eigenen kleinen Werke würden aber verschwinden“, so Andreas Schatzer. Er spricht sich gleichzeitig auch gegen eine Beteiligung der Stadtwerke Brixen aus. Alte Rechte würde die Gemeinde Vahrn natürlich achten, neue Rechte würde man aber nicht zulassen.
Diesen Ausschluss kann Wolfgang Plank nicht verstehen, denn schließlich arbeiten Stadtwerke und Gemeinde Vahrn bereits erfolgreich zusammen, beispielsweise beim Fernwärmewerk. „Natürlich kann jeder Strom produzieren, aber wir sind jene, die die notwendige technische Kompetenz haben!“, meint Plank. Zwar bestätigt der Vahrner Bürgermeister diese erfolgreiche Zusammenarbeit, „aber bei einer etwaigen Stromproduktion wollen wir lieber alleine arbeiten“.
Ob es zum Bau des Wasserkraftwerkes überhaupt kommen wird, ist derzeit jedoch noch völlig unklar. Beide Projekte liegen nun schon seit längerem in Bozen auf, ohne dass eine Entscheidung gefallen wäre. „In den Ämtern wartet man wohl darauf, dass wir uns einigen“, glaubt Andreas Schatzer. Doch bevor es soweit kommen kann, will die Gemeinde Vahrn zuerst einmal mit den Vahrnern selbst ins Gespräch kommen. Man plant derzeit Informationsveranstaltungen, um zu ergründen, wie die Bürger zu einem etwaigen Kraftwerk stehen und welche Argumente die Gegner anführen.
Zu den Gegnern, die sich bereits mehrmals zum Projekt geäußert haben, gehört auch der Fischereiverein Eisacktal, der in seiner Vollversammlung im Februar eine Resolution gegen die Errichtung eines Wasserkraftwerkes am Schalderer Bach verabschiedet hat: „Der Bau eines Kraftwerkes in diesem einmaligen Gebirgsbach würde selbst bei großzügig bemessener Restwassermenge eine teilweise Zerstörung des Gewässers und damit einen nicht wieder gut zu machenden Umweltschaden bedeuten. Die vorgelegten Pläne und Berechnungen gehen von nicht korrekten Zahlen über die Wasserführungen des Baches aus. Damit sind alle Angaben über Restwassermengen, Produktion und wirtschaftliche Ergebnisse falsch. Im Oktober und letzthin im Februar durchgeführte Wassermessungen haben dies eindeutig bewiesen“, so lautet ein Auszug aus dieser Resolution.
Ihre Argumente gegen die vorgelegten Projekte haben die Vertreter des Fischereivereins auch beim behördlichen Lokalaugenschein vorgebracht, an dem neben den Antragstellern auch die involvierten Ämter, die Forst, Vertreter der Beregnungsgenossenschaften und Interessierte teilgenommen haben.
Auch Wolfgang Plank geht von einem erheblichen Widerstand aus. Andererseits würde das Werk aber Strom für 2.000 Haushalte erzeugen. Beim Lokalaugenschein hat er zu Protokoll gegeben, dass er das Projekt der Stadtwerke Brixen zurückziehen würde, sofern zwei Bedingungen erfüllt sind: „Erstens muss die Gemeinde Vahrn ihr Projekt auch zurückziehen, und zweitens müssen gleichzeitig die Voraussetzungen vorhanden sein, dass nicht am nächsten Tag eine andere Person oder Körperschaft ein neues Projekt einreicht und wir dann wie die Dummen dastehen. Es muss gewährleistet werden, dass der Bau eines Kraftwerkes dann an diesem Bach auch in Zukunft unmöglich sein wird“.
„Eine solche Unterschutzstellung hätten wir in unserem Entwurf zum aktualisierten Vahrner Landschaftsplan bereits vorgesehen“, erklärt Konrad Stockner vom Amt für Landschaftsökologie. Dieser Plan ist vor kurzem von der Landesregierung endgültig genehmigt worden. Darin ist der Schalderer Bach von seinem Ursprung bis zur Mündung als Naturdenkmal definiert, „denn es gibt nur mehr wenige unberührte Bäche, und der eine oder andere sollte in seinem ursprünglichen Zustand erhalten bleiben. Und es ist verboten, ein Naturdenkmal zu beschädigen oder zu zerstören“, erklärt Stockner.
Allerdings hat die Gemeinde Vahrn in den Plan eine Ergänzung eingefügt, die von der Landesregierung letztlich gutgeheißen wurde: Dieser Zusatz besagt zwar, dass die Errichtung eines neuen Wasserkraftwerkes untersagt ist, aber: „Gestattet ist lediglich die Verlegung der bereits am Schalderer Bach bestehenden Wasserkraftwerke mittels Zusammenführung derselben zu einem oder maximal zwei zusammenhängenden Kraftwerken bei gleichzeitigem Abbruch der bestehenden Werke und Optimierung der Wassernutzung. Die Verlegung darf nicht den Bachbereich unterhalb der Alten Putzer Säge bis zur Mündung berühren, da sich dort wichtige Naherholungszonen für die Bevölkerung befinden“.
Mit dieser Ergänzung hat die Vahrner Gemeinde de facto Bedingungen eingefügt, die das Projekt der Stadtwerke beinahe unmöglich machen, denn dieses lässt die bestehenden privaten Kraftwerke in ihrem Zustand; das eigene Kraftwerk wäre unterhalb der Putzer Säge vorgesehen. Trotz dieser vermeintlich guten Vorzeichen für das Projekt der Gemeinde Vahrn kann sich Bürgermeister Schatzer auch einen totalen Rückzug vorstellen. „Wir machen sicher nichts gegen den Willen der Bevölkerung“, versichert er. Allerdings müsse man dann den Landschaftsplan so abändern, dass nicht nur der Schalderer Bach unantastbar wäre, sondern auch der Nockbach. Das würde dann unter Umständen die Bauern des Pfefferbergs betreffen, die ein Bewässerungsprojekt vorantreiben wollen, das die Speisung der Beregnung aus eben diesem Bach vorsieht – eine Forderung, die nicht nur auf Gegenliebe stößt: „Ich bin von Amts wegen über jede Unterschutzstellung froh, trotzdem kann man diese beiden Projekte nicht auf dieselbe Stufe stellen“, findet Konrad Stockner. Auch der Fischereiverein stellt sich auf die Seite der Bauern, wenn sie in ihrer Resolution darauf hinweisen, dass ein Wasserkraftwerk die landwirtschaftliche Nutzung des Wassers einschränkt und damit den Bauern in Schalders und auch jenen am Pfeffersberg, die um eine teilweise Nutzung des Wassers angesucht haben, ein Teil ihrer Lebensgrundlage entzogen würde.
Es wird also wohl noch einige Diskussionen zu den Kraftwerksplänen geben. Wer aber darauf hofft, dass ein gemeindeeigenes Wasserkraftwerk für eine wesentlich kleinere Stromrechnung sorgen könnte, dem hält Wolfgang Plank eine nüchterne Rechnung vor: „Dafür ist die produzierte Menge im Verhältnis zum gesamten Stromverbrauch in unserem Einzugsgebiet zu gering. Aber ein solches Werk muss auch abbezahlt werden. Man muss bedenken, dass ein etwaiger Rabatt nur auf den tatsächlichen Strompreis gewährt werden kann. Der Betrag, den jeder von uns mit seiner Stromrechnung bezahlt, besteht aber zu einem wesentlichen Teil aus Steuern und Gebühren, die nicht beeinflusst werden können“. Unter diesen Umständen könnte eventuell nur eine durchschnittliche Reduktion von ein paar Euro herauskommen.