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Brixen & Umgebung
31.05.2010

Offen für Dialog

Die im Frühjahr gegründete Bürgerinitiative „Open“ veranstaltete Ende April einen ersten Diskussionsabend zu ihrem Jahresthema Migration. Unter dem Titel „Homo viator. Pilger, Reisender, Emigrant, immer Mensch!“ wurden unterschiedliche Aspekte zur Migration beleuchtet.
 
Die Bürgerinitiative „Open, Bürgerinnen im Dialog – Cittadini in dialogo“, die sich im Frühjahr in Brixen unter der Ägide des Instituts für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (IGFS) formiert hat, hat sich mehrerlei zum Ziel gesetzt: Die Menschen in unserer Gesellschaft, unabhängig ihrer Herkunft, einander näher zu bringen, gesellschaftliche Debatten anzuregen und anzustoßen, im Netzwerk der verschiedenen Vereine und Organisationen den Austausch fördern und Synergien nutzen. Die erste Veranstaltung der Initiative zum Jahresthema „Migration“ wurde vor kurzem in der Cusanus Akademie abgehalten.
 
Wenn Menschen ihre Heimat aufgeben und sich auf Reisen machen, ist das in der Regel kein Akt der Freude und Freiwilligkeit, die modernen Varianten des Reisens in Form eines Urlaubs selbstredend ausgenommen. Es war eines der Ziele an diesem gut besuchten Abend: mit Geschichten und Einzelschicksalen aufzuzeigen, weshalb Menschen  beschließen, sich auf eine meist weite und unsichere Wanderschaft zu machen, in der Hoffnung, an einem anderen Ort ein besseres, menschenwürdigeres oder einfach nur sichereres Leben führen zu können. Dabei kamen in Brixen und Umgebung lebende Immigranten genauso zu Wort wie ein Südtiroler Emigrant, den zwei diktatorische Regime 1939 zur Aufgabe der Heimat ermutigt hatten. Die „Option“ seiner Familie war auswandern!
Edoardo Casale, Mitarbeiter am IGFS, und Markus Lobis, Mit-Initiator und maßgeblich Ideengeber der Initiative, oblag die Begrüßung der Anwesenden, die Vorstellung der Bürgerinitiative und eine Einführung in den Themenkomplex des Abends. Hernach wurden, unter der Moderation von Hermann Barbieri und Silvia Pitscheider, vier Migrations- und Integrationsgeschichten erzählt, umrahmt von Musikeinlagen sowie philosophischen und theologischen Textbeiträgen.
 
Den Auftakt des Erzählreigens machte Farshad Boubladi, ein iranischer Kurde. Der Journalist und Menschenrechtsaktivist schaffte nach etlichen Jahren der Inhaftierung die Flucht und verließ als politisch Verfolgter sein Land. Über den Irak und die Türkei gelang er schließlich nach Italien und lebt derzeit in Brixen. Nach seinen Ausführungen zur eigenen Migrationsgeschichte berichtete Farshad Boubladi auch über sein Leben in Brixen und seine Erfahrungen, als Ausländer gesehen und behandelt zu werden.
Der zweite Erfahrungsbericht des Abends kam von einem in Südtirol längst bekannten Afghanen, dessen unglaublich beeindruckende Fluchtgeschichte bereits in Buchform verfasst wurde. Dafür erhielt Alidad Shiri 2008 den „Cultura-Socialis-Preis“ in der Kategorie Medien. In über 100 Vorträgen hat Alidad sein Schicksal erzählt: davon, wie ein Großteil seiner Familie in Afghanistan getötet wurde, wie er noch als kleiner Junge zunächst nach Pakistan floh und bei einer Tante wohnte, dann als 12-Jähriger in den Iran kam und sich mit Nachtschichtarbeiten ein bescheidenes Auskommen sicherte. Schließlich sein Versuch, nach Europa zu kommen, über die Türkei und Griechenland nach Italien. Auf der Unterseite eines Lastwagens geklemmt wurde er am Ende seiner Odyssee bei Vahrn von der Polizei aufgegriffen und in das Kinderdorf von Meran gebracht.
Als dritter Redner berichtete der seit 20 Jahren in Klausen lebende Pakistaner Iqbal Zafar, von allen „Jimmy“ genannt, über seine Aktivitäten in der sportlichen Jugendarbeit. Ikbal entschuldigte sich vorab seiner Ausführungen für seine fehlenden Hochdeutschkenntnisse. Dass er nur in Eisacktaler Dialekt sprechen könne, wurde ihm vom davon erheiterten Publikum gerne verziehen. Ikbal erzählte von seinen pakistanischen „Buabn“, mit denen er auf dem Sportplatz nahe des Klausner Bahnhofgeländes regelmäßig Cricket trainiert. Der pakistanische Nationalsport wird südtirolweit von vielen Vereinen und Gruppen gespielt, regelmäßig finden an unterschiedlichen Orten Turniere statt. Die Trainingsbedingungen allerdings sind auf dem Sandplatz in Klausen nicht ideal. Deshalb, so erzählte Ikbal, wünschen sich die Jugendlichen nichts sehnlicher als einen geeigneten Übungsplatz im Raum Brixen. Ikbal sieht in der Ausübung des Sports eine ideale Freizeitbeschäftigung, weil seine „Buabn dånn wianigo Bledsinne im Kopf hobn“.
 
Mit Wilhelm Niederstätter als viertem und letztem Erzähler wurde schließlich ein leidvolles Kapitel der Südtiroler Emigrationsgeschichte angerissen: die Option in den Jahren 1939/40! Niederstätter erzählte von der Auswanderung seiner Familie nach Steyr und seiner Erfahrung, auch als Südtiroler in Österreich vielfach als „Ausländer“ und Nicht-Erwünschter behandelt zu werden, schließlich von seiner Rückkehr samt schwieriger Re-Integration in die heimatlichen Gefilde. Die Ausführungen Niederstätters artikulierten eindrucksvoll die deutlichen Parallelen bei allen Erfahrungen der Migration sowie die Tatsache, dass Migration kaum räumliche und zeitliche Grenzen kennt. Nach den vier Migrations- und Integrationserfahrungen berichtete Veronica Fratelli, Vorstandsmitglied im Verein Haus der Solidarität, über das gleichnamige Millander Sozialprojekt, seine Geschichte und seine Struktur, seine vielzähligen Projekte und die nunmehr unsichere Zukunft: Die Herberge, die nun selbst zur Herbergssuchenden wird.
In der anschließenden offenen Diskussion wurden zunächst unterschiedliche Details zum Erzählten erörtert und vertieft. Der Fokus der Beiträge indes kursierte nach und nach rund um die Frage, wie Integration in unserer Gesellschaft gelingen kann, was dazu notwendig ist und welche dabei die Kernelemente sind: aus einem praktischen Blickwinkel genauso wie aus dem theoretischen. Dabei wurden auch vielerlei Fragen aufgeworfen, die nicht ganz so einfach zu beantworten sind: Kann Integration überhaupt ein Ziel sein, das man irgendwann und irgendwo erreicht? Sollte man sich nicht konsequenterweise auf eine Gesellschaft mit gleichen Rechten des Einzelnen und getragen von gegenseitigem Respekt einigen?
 
Dass ein friedliches gesellschaftliches Zusammenleben und die Integration neuer Bürger weitläufige und diskussionsintensive Themenfelder sind, hat der Abend in der Cusanus Akademie nachhaltig bewiesen. Die Initiative „Open“ hat mit ihrer ersten Veranstaltung indes demonstriert, dass verstärktes Netzwerkdenken unablässig ist und gesellschaftlich brisante Themen breiten Diskurs erfordern.