31.05.2010
Globetrotter mit Herz
ULRICH HÜHNE ist Arzt, Fachmann für Akupunktur, hundertfacher Großvater sowie Weltbürger – und er ist vor allem jemand, bei dem die Mitmenschen an erster Stelle stehen. Über Benno Röggla und die Organisation „Helfen ohne Grenzen“ war er für einige Tage in Südtirol.
Die Lebensgeschichte von Ulrich Hühne hört sich an wie ein einziges unglaubliches Abenteuer, geprägt vom unerschöpflichen Drang, die Grenzen des Seins zu ergründen und das Leben herauszufordern. Er selbst bezeichnet sich als entwurzelten Menschen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war seine Familie aus der Heimat vertrieben worden. Ein einziges Mal kehrte er später nach Pommern zurück und sah Plattenbauten anstelle des vertrauten Waldes. Er wurde nie wieder irgendwo heimisch, blieb über all die Jahre ein Globetrotter. Einer von denen, die es immer weitertreibt: dorthin, wo Hilfe nötig ist und wo sich die meisten nicht mehr hinwagen.
Mit 13 Jahren war es sein sehnlichster Wunsch, nach Lappland zu gehen. Er konnte seine Eltern überreden, ihn in den Sommerferien mit einem drei Jahre älteren Freund ziehen zu lassen. Die zwei Burschen gerieten jedoch bald in Streit, und bei Flensburg trennten sich ihre Wege. Ulrich Hühne wanderte alleine weiter und gelangte in das Land seiner Träume. Die Sommerferien waren natürlich schon lange vorbei, als er nach Hause zurückkehrte, und nur durch die inbrünstige Fürsprache seiner Eltern nahm man ihn wieder in der Schule auf. Mit 15 ging er dann zur See, einfach so, bei Nacht und Nebel. Seine Eltern bekamen die erste Postkarte aus Murmansk, die zweite aus Südafrika. Er war das schwarze Schaf in seiner Familie, so ganz anders als seine Geschwister. „Mein Vater hat manchen Kleiderbügel auf meinem Rücken zerbrochen“, meint Ulrich Hühne nicht ohne einen leisen Anflug von Traurigkeit. Den ungestümen und gleichzeitig liebenswert-altruistischen Geist seines Sohnes hat der Vater jedoch nicht brechen können.
Nach dem Abitur zog es Ulrich Hühne zur Marine. Weil er noch nicht volljährig war, hätte es dafür die Zustimmung des Vaters gebraucht, und die wurde ihm verweigert. Also ging er nach Kiel, in der Nähe des Meeres, um dort Geografie, Psychologie und Germanistik zu studieren. Dort erhielt er die Chance, an einem Forschungsauftrag in Persien teilzunehmen. Ziel der Arbeit war die Erforschung der Bevölkerungsbewegungen im 19. Jahrhundert; Ulrich Hühne sollte im Auftrag der persischen Universität turkmenische Nomadenstämme aufsuchen. Auf dem Weg nach Teheran wurde ihm jedoch all sein Hab und Gut gestohlen, sodass er zunächst in der persischen Hauptstadt bleiben musste. Im Auftrag des Goethe-Instituts gab er Deutschunterricht und gestaltete deutschsprachige Fernsehsendungen. Durch eine Sendung über das Segelfliegen wurde der Schah auf den jungen Deutschen aufmerksam; plötzlich riss man sich um ihn und er wurde für seine Unterrichtsstunden fürstlich entlohnt. Einige Zeit später schloss sich Ulrich Hühne einer Tierfängerexpedition an, die sich für den Hamburger Zoo auf die Jagd nach nicht domestizierbaren Wildeseln machte. Den Weg vom Persischen Golf zurück nach Teheran bestritt Ulrich Hühne dann wieder allein in einem Jeep, zweitausend Kilometer durch die Salzwüste, „ohne Kompass und auf einer Piste, die nur durch große, vom Salz zerfressene Teertonnen gekennzeichnet war“. Kein Mensch hätte nach ihm gesucht, wenn ihm etwas passiert wäre, „aber ich beschäftige offenbar etliche Schutzengel“.
Irgendwann kam er dann endlich nach Turkmenistan und lernte bei einem Nomadenstamm einen Schamanen kennen. Als der Medizinmann versuchte, mit Heilerde und Blättern einen gebrochenen Arm zu heilen, zeigte Ulrich Hühne ihm, wie man den Arm mit Ästen ruhig stellen kann. Daraufhin bat ihn der Schamane, ihn immer dann zu begleiten, wenn er nicht mehr weiter wusste. Ein Erlebnis aus dieser Zeit hat den wagemutigen Mann nicht mehr losgelassen: Ein junger Mann aus dem Nomadenstamm krümmte sich vor Schmerzen, offenbar aufgrund eines entzündeten Blinddarms. Die nächste Krankenstation wäre neun Kamel-Reitstunden entfernt gewesen; eine Strecke, die der Mann niemals überlebt hätte. Also wurde er mit Wodka betäubt und an Ort und Stelle operiert – vergebens.
Jahrzehnte später, da arbeitete Ulrich Hühne schon für die Handelsmarine, lernte er einen Medizinprofessor aus Sri Lanka kennen und erzählte ihm von seinen Erlebnissen in Turkmenistan. „Sie sind noch jung“, meinte der Professor schlichtweg und lud ihn ein, in Sri Lanka ein Medizinstudium zu absolvieren. Wer in der so genannten Dritten Welt arbeiten wolle, für den seien alternative Medizin und Akupunktur schlichtweg ein Muss, und so schickte der Professor seinen Schützling nach China, um die Kunst der Akupunktur zu erlernen. Später arbeitete Hühne als Arzt in einer Ambulanz für Alternativmedizin in Colombo auf Sri Lanka: „Bis zu 500 Patienten kamen täglich zu uns“. Nach sechs Jahren war sein Visum endgültig abgelaufen. Wo sollte er nun hin? Die so genannte zivilisierte Welt interessierte Ulrich Hühne schon lange nicht mehr. Also nahm er Kontakt mit dem Gesundheitsministerium auf und bot an, sich um die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung in den Kampfgebieten der tamilischen Rebellen zu kümmern. „Wenn geschossen wurde, habe ich den Kopf eingezogen, sonst habe ich behandelt“.
Und dann begann Ulrich Hühne, die ersten Kinder um sich zu scharen und mit Hilfe von Gönnern ein kleines Waisenhaus zu errichten. Es wurden immer mehr Kinder, denen er ein kleines Stückchen Hoffnung geben wollte; die Jungen behielt er bei sich, die Mädchen brachte er bei befreundeten Familien unter. „Ich brauchte natürlich oft Geld, aber bei all meinen Projekten habe ich die finanzielle Frage immer zuletzt geklärt. Irgendwie war das Geld immer da.“ Was mit ihm im Alter passieren wird, darüber macht sich Ulrich Hühne keine Sorgen, denn schließlich hat er 33 Kinder großgezogen und ist hundertfacher Großvater.
Und dann bekam Ulrich Hühne Krebs. Lange Zeit wollte er die Erkrankung nicht wahrhaben und ging erst im allerletzten Augenblick nach Deutschland, um sich behandeln zu lassen. An Weihnachten 2004 kehrte er nach Sri Lanka zurück, genau einen Tag nach dem verheerenden Tsunami. Alles hatte die Todeswelle mit sich gerissen: sein Haus, seine kleine Holzspielzeugfabrik und seine Lebensgefährtin. „Ich fand nichts mehr vor, auch die Menschen nicht. So war das Ende in Sri Lanka nicht geplant.“ Mit einem Handköfferchen, „mehr war mir nicht geblieben“, verließ Ulrich Hühne die Insel und kam nach Kambodscha in ein kleines Hospital, in dem es keinen Arzt gab. „Die Schwestern und Pfleger dort haben alles gemacht, und ich habe wohl mehr gelernt als zur Entlastung beigetragen. Sie aber waren einfach nur stolz, einen Doktor zu haben“.
Einige Zeit später verschlug es ihn zu den Bergvölkern im Norden Thailands. Mit einem Rucksack voller Medikamente machte er sich immer wieder auf den Weg in Dörfer, die noch nie ein Tourist betreten hatte. Und dann lernte er das Elend der burmesischen Flüchtlinge an der thailändischen Grenze kennen. In einer Klinik, in der niemand eine Arbeitsgenehmigung hat, gelang es ihm, acht so genannte „Medics“ für die Akupunktur zu begeistern und sie auszubilden. „Das traue ich mir noch zu“, hat er sich damals gesagt – er, der bereits ein 500 Seiten starkes Buch über klinische Akupunktur veröffentlicht hatte. An Pampelmusen wurde fleißig geübt „und nach sechs Wochen konnten die meisten das Wesentliche alleine.“
Zwei weitere Projekte hat Ulrich Hühne bereits ins Auge gefasst: Er möchte die so genannten Barfußärzte in Akupunktur ausbilden. Barfußärzte sind Helfer, die sich mit einem Rucksack in gefährliches Gebiet wagen, um die Bevölkerung medizinisch zu versorgen. Und er möchte für „seine“ Klinik eine gebrauchte Einrichtung besorgen. Nachdem die Klinik aber offiziell nichts in Empfang nehmen darf, weil sie ja illegal ist, stieß Ulrich Hühne auf der Suche nach einer Lösung auf die Organisation „Helfen ohne Grenzen“ und auf Benno Röggla. „Wir haben uns beschnuppert und waren uns sofort sympathisch.“
Steckbrief
Ulrich Hühne wurde 1936 in Pommern geboren. 1945 wurde die Familie von den Russen und Polen aus ihrer Heimat vertrieben. Die Mutter zog mit ihren drei Kindern in den Westen und ließ sich in der Nähe von Hannover nieder. Nach dem Abitur studierte Ulrich Hühne an der Kieler Universität Geografie, Psychologie und Germanistik. Nach Abschluss des Studiums ging er zur Marine, wurde Berufsoffizier und arbeitete als Corvettenkapitän. Er hätte dann als einer von drei Marineattachès nach Peking entsandt werden sollen, nachdem aber die Berichte aus China alles andere als gut waren, durfte nur einer dorthin, und Ulrich Hühne kam ins Verteidigungsministerium. Im 13. Stockwerk eines Hochhauses hatte er nun „so wenig Verantwortung wie nie zuvor“ und ging schließlich in Frühpension. Für die Handelsmarine fuhr er noch zwei Jahre lang zur See, unter anderem auf einem großen Passagierschiff. Mit 43 Jahren ging er dann nach Sri Lanka, studierte Medizin und spezialisierte sich im Bereich der Akupunktur. Seit vielen Jahren engagiert er sich für Menschen, die dringend medizinische Hilfe nötig haben und startet immer wieder neue Projekte.