31.05.2010
Familiengeheimnisse
Die Autorinnen Helene Flöss und Birgit Unterholzner, beide aus dem Raum Brixen stammend, stellten im Hotel Elephant ihre neuen Romane vor.
Mag es Zufall sein, ist es gewollt oder beabsichtigt? Die Romane von Helene Flöss und Birgit Unterholzner verbindet untergründig ein enger Konnex. Sie weisen, unabhängig voneinander, aber subtil verbunden, ähnliche Grundzüge auf, heimliche Wahlverwandtschaften, die frappierend sind und ihre parallele Lektüre nahe legen.
In „Flora Beriot“ und „Mütterlicherseits“, so die Titel der Romane von Birgit Unterholzner und Helene Flöss, geht es um ein gemeinsames Kernthema – um das Geheimnis einer Familie, um das, was sie in ihrem Innersten zusammenhält, und um das, was sie gefährdet. Eine glückliche Fügung, die es ermöglicht, beide in Zusammenschau, in gemeinsamer Lesart zu kommentieren.
Christina von Braun, die deutsche Schriftstellerin und Filmemacherin, markiert in ihrer 2007 erschienenen Familiengeschichte „Stille Post“ die Grundnatur solcher Geheimnisse, der familiären Secretissima, wenn sie schreibt: „Es gibt nicht nur die ‚verschwiegenen Botschaften’, die in Familien weitergegeben werden: Familiengeheimnisse, die oft in verwandelter Form in der nächsten Generation wieder auftauchen. Es gibt auch eine andere Form von Hinterlassenschaft, die man als unerledigte Aufträge, unabgeschlossene Dossiers bezeichnen könnte.“
Die Bücher von Helene Flöss und Birgit Unterholzner sind solche Dossiers, die familiäre Situationen entfalten, Wandelgänge und Wechselfälle ihrer Geschichten ausleuchten und Schlacken, Giftstoffe und Gold der Vergangenheit zu neuer Form verschmelzen, wie dies die Goldschmiedin Flora Beriot in ihrer Arbeit und in ihrem Erzählen unternimmt. Gleicht die Technik von Birgit Unterholzner der Gold- und Kernschmelze, dem Auswalzen glühenden Metalls, seinem Formen und Hämmern hin zu neuer Stofflichkeit, so erinnert das Arbeiten von Helene Flöss an das Ausspinnen von Fäden der Erzählung, dem Freilegen immer neuer Verknotungen, reicher Verwicklungen und der anschließenden Neuverknüpfung zum tragfähigen Gewebe von Erzähl- und Familienmotive.
Es ist keine distanzierte Ich-Erzählung, die Birgit Unterholzner ihrer Protagonistin unterlegt. Die Goldschmiedin Flora Beriot ficht in ihrem Erzählen ein Duell aus, einen Zweikampf mit einem Journalisten, der sie in ihrer Werkstätte besucht, um ihr Erinnerungen an ihren Vater Jakob Beriot zu entlocken, eines berühmten, vor einigen Jahren gewaltsam verstorbenen Malers und Lebenskünstlers. Der Journalist Vincent Merz steht eines Tages unversehens und ohne Ankündigung in der Werkstatt von Flora Beriot, die ihn zunächst als Kunden bedienen möchte, bis sie dann erkennen muss, dass der Mittvierziger Besonderes sucht: Er will keinen Schmuck, sondern anderes Gold; er wünscht, in ihre Vergangenheit einzudringen und vertieften Zugang zum Leben ihres berühmten Vaters Jakob gewinnen. Die Tochter soll erzählen, dem routinierten Journalisten und Biografen Details preisgeben für eine Biografie, die er ihr wie bereits anderen Kindern berühmter Väter zu widmen gedenkt.
Flora bemerkt augenblicklich das Lauernde, die jägerartige Aufmerksamkeit, mit der Merz sie umkreist, und kann sich seinem Interesse dennoch nicht entziehen. Zu faszinierend ist der Gesprächspartner, zu einfühlsam und verstörend sein Fragen, das er mit stupendem Vorwissen unterstützt. Flora Beriot erzählt aus ihrem Leben, schildert ihren deutschsprachigen Vater Jakob, der den Freitod im Meer gesucht hat, beschreibt ihre wesentlich jüngere Mutter Gabriella, die krank und doch voller Vitalität in einem Kurheim wartet. Und so beginnt ein elliptisches Erzählen, die nahezu besessene, zunehmend süchtige Selbstentblößung der Flora Beriot, die im Fluss ihrer Narration auch sich selbst näher kommt, jäh neue Einsichten gewinnt, sich aber auch ihrem Gegenüber ausliefert.
Das eigentlich Fesselnde ist, wie Erzählende und der Zuhörer ineinander aufgehen, aus der Position des Gegenübers in wechselseitige Verstrickung geraten, die sich an den Schauplätzen weiter steigert. Denn der Wechsel der Orte, die zum einen im zentraleuropäischen Ambiente, wie in einem Kurort des Alpenraums, vielleicht Tirols, situiert sind, dann wieder im Szenario der Toskana und Neapels, bringt zusätzliche Spannung durch die Präsenz des Räumlichen – vorab des Meeres als des Protagonisten von unheimlichem Sog.
Der Sog erfasst auch die Leser, die ungeduldig darauf warten, dass aus dem Erinnerungsstrom immer neue Geheimnisse aufsteigen. Es ist die Kunst von Birgit Unterholzner, dass sie solche Erwartungen nicht enttäuscht, aber sorgsam dosiert und ihre Erfüllung aufschiebt, bis der rechte Moment der Exposition und der Explosion der Handlung gekommen ist.
Es ist ein Zweikampf, in dem die Erzählerin ausgeliefert scheint an den lauernden Zuhörer, der – soviel sie auch immer preisgibt – immer mehr weiß und dennoch stets noch mehr erwartet. Wir haben zunächst den sicheren Eindruck, dass Merz der Stärkere ist. Vincent Merz, der mysteriöse Mann, dem bald auch die erotische Fantasie der Erzählerin gilt, während er sie abweist, dann wieder lockt, auf Distanz hält und dennoch ständig, in traumwandlerischer Sicherheit, die von Flora Beriot gezogenen Grenzen überschreitet.
Ständig präsent in diesem Vexierspiel ist der verstorbene Vater, der Maler und Künstler Jakob Beriot, zu Lebzeiten radikal in seiner Lebenslust und schöpferischen Kraft, kompromisslos gegenüber dem bürgerlich-bohémehaften Elternhaus, seinen durchaus schrägen Eltern, die in einem Kurstädtchen ein Hotel, das „Bellevue“, führen, dessen Ambiente uns seltsam vertraut anmutet. Jakob Beriot, der in einer Mondnacht ins nächtliche Meer von Follonica ging, direkt hinein in den Gischt, nicht aus depressiver Trübsal, sondern selbstverständlich, als in die seit langem auf ihn wartende Existenzform. Flora, damals ein kleines Mädchen, lässt ihn nicht los: „Heute noch ertappe ich mich, folge plötzlich alten Männern und verliere dabei den Atem. Nie hörte ich auf, mir einen Vater zu erfinden.“ Jakob Beriot, dessen Biografie geprägt ist von berstender und in ihrer Konsequenz brutalen Kreativität, steht dessen Frau Gabriella gegenüber als Liebende von gleichartiger Stärke, Lehrerin und gelernte Tänzerin, die bereit ist, den Tanz mit ihrem monströsen Mann bis zum Ende durchzustehen und sich auch in der Trauer um ihn nicht zu verlieren. Noch erstaunlicher aber ist womöglich, wie Flora Beriot die Last dieser Elternschaft annimmt, ihre niederschmetternden Hypotheken und Geheimnisse akzeptiert und umschmilzt – nach den verstörenden Wendungen des Romans, die wir hier nicht vorwegnehmen.
„Nie hörte ich auf, mir einen Vater zu erfinden“ – ein Satz, der auch als Motto über dem Buch von Helene Flöss stehen könnte, als Schlüsselsatz auch für viele ihrer Arbeiten. Helene Flöss gibt in „Mütterlicherseits“ eine Zwischenbilanz ihrer inzwischen über 20-jährigen Ouevres als Schriftstellerin, die vielfach die eigene Familie umkreist, als unerschöpflichen Erzählstoff, in der Familie längst nicht mehr individuell, in ihren intimen Details, fixiert ist, sondern als allgemeines, über private Details hinaus weisendes Strukturprinzip von faszinierender, oft verstörender Unerschöpflichkeit. Wie bei „Floria Beriot“ konstituiert sich die Handlung aus einer großen Abwesenheit heraus: aus dem Tod des Vaters.
Der tragisch verstorbene Vater, nicht von der See verschluckt, sondern vom Stein getroffen, während der Autofahrt, auf dem sicheren Rücksitz, getötet mit jener unfassbaren Präzision, mit der Naturkatastrophen oft eintreten. Der innig geliebte, auch vergötterte Vater bleibt seither der stumme Abwesende für das Mädchen Dalila, Lili, seine Tochter. Dalila-Lili taucht in „Mütterlicherseits“ auf in einer Doppelperspektive, als Kind und als bereits Erwachsene, als Gerontologin ärztlich tätig. Die kleine Lilì wächst auf in einer Welt der Mütterlichkeiten, in einem Netz an Verwandtschaft und Beziehungen, das sich um ihre eigene Mutter herum aufbaut.
Im Unterschied zum Buch von Birgit Unterholzner, das sich durch Handlung konstituiert, liegen die Stärken des Flöss’schen Erzählens in der Darstellung der Netzwerke, im feinen Geflecht an Beziehungen und Personen, dessen ständige Ausweitung den Text konstituiert. Von Figur zu Figur konstituiert sich „Mütterlicherseits“ als ein Kosmos von Familienmustern, der sich auf engem geografischem Raum ständig selbst aktiviert. Hauptort ist das Haus der Mutter im Zentrum einer Kleinstadt, Ort von Leben, Arbeit und als Treffpunkt der Verwandtschaft mütterlicherseits.
Zentral ist die Figur von Mutter Luzia, die zweifach wiederkehrt: zum einen als Frau in den ersten Witwenjahren, die unter Aufbietung aller Arbeitskraft sich selbst und ihre drei Töchter durchbringt, einer Frau, die Emotion und Verzweiflung bändigt durch besessene Arbeitsdisziplin und Kommunikationsstärke, die der Beruf als Schneiderin ermöglicht. Zum anderen kehrt Mutter Luzia wieder als alte Frau von anrührender Gebrechlichkeit, die aber auf dem Untergrund gefestigter Haltungen, Lebenserfahrungen und Erzählweisen aufruht. Glänzend entfaltet rund um die zentrale Mütterlichkeit der Reigen von Verwandten, zumal die Brüder der Witwe, die als Gärtner in ihrem Arbeitsfeld geschildert werden, im Umgang mit Pflanzen und Blumen, deren üppiger Reichtum für das Leben selbst stehen. Auch bei den Brüdern Flor und Mine verläuft der Übergang vom Erwachsensein ins Alter als gleichsam vegetativer Prozess, in dem gärtnerisches Umfeld und Flora zum Sinnbild werden für den Garten des Lebens, wo auf blühende Vielfalt die Metamorphosen des Verfalls folgen.
Dieses Tableau an Beziehungen, das über den Verwandtenkreis auch Hausbewohner und Kundinnen einschließt in einer räumlich verdichteten In-House-Geschichte, ist das an anderen beobachtete, aber auch zunehmend selbst erfahrene Altern ein grundlegendes Erzählprinzip. In der Wechselperspektive zwischen den Kindheitsjahren von Lilì und der Tätigkeit als Gerontologin kehrt unvermeidlich das Älterwerden, seine Einschränkungen und drückende Beschwerden als Spannungsbogen wieder, mit seiner Belastung von Charakter, Gesundheit und Gedächtnis. In diesem Mehr-Generationenblick erhält die unausweichliche Finalisierung des Lebens wachsendes Gewicht, im Sinne von Bedeutung und Last zugleich, von Annehmen und Ablehnen.
Der vor wenigen Jahren verstorbene Philosoph Norberto Bobbio hat in seinen Spätreflexionen „Vom Alter – De Senectute“ diese doppelte Bedeutung charakterisiert: „Man sagt, die Weisheit eines alten Menschen bestehe im resignierten Akzeptieren der eigenen Grenzen. [...] Die Grenzen kenne ich wohl, aber ich akzeptiere sie nicht. Ich gestehe meine Grenzen ein, aber nur weil ich nicht anders kann.“ Das Buch von Helene Flöss erkundet diese Grenzen; es ist ein beeindruckendes Zeugnis dessen, wie sehr Altern, Krankheit und Tod äußerste Zumutungen sind, gegen die auch Schreiben nur schwache Bastionen bildet. Und wie Vergessen eine notwendige menschliche Kondition ist, die aber nicht allen gegeben ist.
Zwei in innerer Verwandtschaft, ediert in der Innsbrucker edition laurin, die in der Person von Birgit Holzner die Ausgaben hervorragend betreut und eine neue Linie in die Literatur Tirols gelegt hat.
Hans Heiss
info
Die Autorinnen und ihr Buch
Helene Flöss, geboren 1954 in Brixen, Lehramt für Technikerziehung, Mittelschullehrerin. Ab 1985 Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien und im Rundfunk. Seit 1991 freie Schriftstellerin. Nasses Gras (Haymon, 1990), Spurensuche (Haymon, 1992), Briefschaften (gemeinsam mit Walter Schlorhaufer, Haymon, 1994), Dürre Jahre (Haymon, 1998), Brüchige Ufer (Haymon, 2005), Der Hungermaler (Haymon, 2007)
Mütterlicherseits
Roman
edition laurin, Innsbruck 2010
Schon als Kind zieht Lilí verträumt die Erinnerungen mütterlicherseits wie einen geheimen Sack hinter sich her. Darin die Bruchstücke einer ihr nicht ganz geheuren Welt, der Schneiderstube ihrer Mutter, deren Überlebenswerkzeug die Nähmaschine ist. Helene Flöss macht einerseits aus der Perspektive eines Kindes, andererseits aus dem Blickwinkel alter, gebrechlicher Menschen sichtbar, was die Welt gern übersieht: das scheinbar Unscheinbare, das oft identisch ist mit dem Wesentlichen. In einem Ton, der vielfach überlieferte Redensarten aufnimmt, durchbricht sie keineswegs nur die Grenzlinien zwischen dem Deutschen und dem Italienischen; in bild(er)dichter Sprache enthüllt sie die Poesie der Erzählungen von Menschen, die noch etwas zu erzählen haben.
Birgit Unterholzner, geboren 1971 in Bozen, aufgewachsen in Natz, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Medienkunde in Innsbruck. 2001-2003 Theaterpädagogischer Lehrgang. Mittelschullehrerin für literarische Fächer und Fachberaterin für Theaterpädagogik. Lebt als freie Schriftstellerin in Bozen. Zuletzt erschienen: Die Blechbüchse (Skarabäus, 2006).
Flora Beriot
Roman
edition laurin, Innsbruck 2010
In ihrer Goldschmiede entwirft Flora Beriot Schmuckstücke. Eines Tages kommt ein Mann Mitte 40 in die Werkstatt und erklärt, er wolle ein Buch über sie, die Tochter des Malers Jakob Beriot, schreiben. Von der unerwarteten Nähe des Fremden angezogen, stellt sich Flora mehr und mehr den Irrungen der Vergangenheit. Die Wahrheit lässt sich kaum mehr finden, denn diese ist untrennbar verknüpft mit der Frage der Perspektive. Birgit Unterholzner erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte einer deutsch-italienischen Künstlerfamilie, eine Geschichte, die von Glanz und Verlust und einer außergewöhnlichen Liebe geprägt ist.