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Kunst & Kultur
31.05.2010

Corpus fragmenta

Der Kunstkreis St. Erhard präsentierte in der Adler Galerie die Ausstellung „Corpus fragmenta. Stimmen und Spuren einer kollektiven Reise“ von Giovanna Piol Gasser.
Körperlichkeit und Geistigkeit sind das uranfängliche Wortpaar in der jüngsten Arbeit der Bozner Künstlerin Giovanna Piol Gasser. Indem sie akzeptiert, dass „der Körper von der Geschichte durchdrungen ist und die Geschichte den Körper zerrüttet“, wie Michel Foucault sagte, bejaht die Künstlerin die Illusion des Körpers als substanzielle Einheit und betrachtet ihn als eine in stetigem Zerfall begriffene Masse.
In „Corpus fragmenta“ bedient sich Giovanna Piol Gasser sowohl ihrer Erinnerungen als auch ihrer Empfindungen und lässt das Aufkommen einer irrationalen Emotivität zu. Als Ergebnis daraus erhält sie, in einem Selbsterkennungsprozess, eine Reihe von Gegenständen, die sich als körperliche, von der Struktur her leichte, aber symbolträchtige Seiende präsentieren. Es handelt sich um 14 Verbindungen unterschiedlicher Dimensionen, die mit Hilfe der Überlagerung von Papierschichten, dem Auftragen von Pigmenten, Tusch- und Harzfarbe verwirklicht werden – mit einer inneren Struktur aus Maschendraht.

Während der Ausführung der Arbeiten gibt es etwas, das sie berührt: Es sind die Gefühle, die die Erinnerung und die Hoffnung einschließen. Giovanna Piol Gasser muss ihre Gewissheiten auf die Probe stellen, sie muss sie sehen, berühren, in ihrer Begrenztheit spüren können. Sie vertraut auf den Prozess des künstlerischen Schaffens als Möglichkeit der Selbsterforschung, wobei der Blick auf das eigene Innere gerichtet wird, ohne die äußere Welt zu vergessen, die notwendig ist, um sich selbst zu verstehen und zu erkennen. Der Künstlerin ist bewusst, dass dieses Erkennen erfolgt und das Ergebnis der Beziehung ihrer selbst mit anderen ist, weil sie individuelle, vor allem aber soziale Subjekte sind. Deshalb wird ihr Werk niemals abgeschlossen sein. Es sieht vom anderen ab, um vollendet zu werden. Mit anderen Worten: Es braucht die Interaktion zwischen dem einen und dem anderen, das heißt, die Beziehung zwischen dem Werk und uns anderen. Absicht der Künstlerin ist es, die alten Bindungen für ein Mal aufzugeben und sich auf die Entdeckung des Ungeahnten und der Eventualität zu machen – auf einer Reise, die sie nicht allein unternimmt.

Am Eröffnungstag der Ausstellung beseelten die Schauspielerin Silvia Morandi, der Regisseur Danilo Ferrin, der Musiker Helmuth Giovannett und der Fotograf Giovanni Melillo das Werk der Künstlerin. Sie brachten es ins Spiel, setzten es in Beziehung zum Publikum, und zwar mit Hilfe des Wortes, des Klanges, des Bildes und der Bewegung. Eine Theaterdarstellung der menschlichen Unvollständigkeit, in dem gleichzeitig die eigene Körperlichkeit und Geistigkeit erfahren werden sollte.
Martha Jiménez Rosano