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Kunst & Kultur
27.01.2010

Postkarten aus Shanghai

Im Dezember beherbergte der Kunstraum der AdlerArt Galerie eine Ausstellung der Wahlbrixnerin Diana Lo Mei Hing. Die chinesische Künstlerin zeigte diesmal ihre in zwei Malzyklen entstandenen „Postkarten aus Shanghai“.
Es waren die 20er und 30er Jahre, in denen Shanghai als „Paris des Ostens“ in aller Welt bekannt wurde. Der Titel der Ausstellung in der AdlerArt Galerie in Brixen bezieht sich auf diese Zeit, in der die vom Westen sehr beeinflusste glitzernde Metropole die „Belle Epoque“ in vollen Zügen genoss.

Als eine Hommage an dieses Shanghai stellte Lo Mei Hing in ihren träumerisch zarten Frauenportraits den unergründlichen Zauber einer typisch fernöstlich weiblichen Zurückhaltung dar und zog damit mehr als einen Betrachter in ihren Bann, sodass viele Kunstliebhaber ihre Ausstellung sogar mehrmals besuchten. Diese Porträts leiten eine neue fruchtbare Schaffensperiode von Lo Mei Hing ein, in der es ihr gelingt, zwei gegensätzliche Kunstkonzepte zu einer einzigartigen Form zu verschmelzen: Westlicher Naturalismus trifft hier auf chinesische zweidimensionale Betrachtung des Seins. Die Künstlerin selbst erklärt dazu, dass sie die Gesichter ihrer Frauen absichtlich in der dreidimensionalen Vision des Westens gezeichnet und gemalt hat, während die Gesichtszüge und der gleichmütige Gesichtsausdruck die Welt des Ostens evozieren – eine Welt, die durch die Jahrtausende alte konfuzianische Ethik geprägt wurde; eine ethische Philosophie, in der die Kontrolle über die Gefühle als fundamental betrachtet wird, weil sie die Harmonie zwischen den Gegensätzen als höchstes Ziel des menschlichen Strebens ansieht.

Es geht also auch in der Kunst, wie in allen Bereichen des Lebens, um die Erhaltung der Harmonie, und so unterscheidet sich in der alten Kunst Chinas die Grundhaltung des Malers völlig von der in der Perspektive wurzelnden Optik der westlichen Malerei. Die Perspektive bleibt für die westliche Logik ein wesentlicher Grundsatz, während der chinesische Maler die Perspektive bewusst nicht anwendet, weil er sie als zu einengend empfindet. Nicht die Präzision der Darstellung an sich ist für den Künstler das Hauptanliegen, sondern es ist die Vision des Ganzen, die er anstrebt – eine spirituelle Selbsterfahrung, die immer die Suche nach der Harmonie mit einbezieht.
Auch die chinesischen Schriftzeichen in den Porträts von Lo Mei Hing verweisen auf diese Suche nach Harmonie, ebenso wie die symbolischen Ornamente, die von der Künstlerin überall eingesetzt werden. Jedes Detail hat hier eine präzise Bedeutung, und jede stilisierte Form besitzt einen sinnbildlichen Wert. Lo Mei Hing verwendet das Symbol der Fledermaus, weil es die Harmonie repräsentiert, oder jenes des Mäanders, weil es das Fließen des Wassers und gleichzeitig das Vergehen der Zeit symbolisiert. Ebenfalls ist die fünfmalige Wiederholung eines Motivs nicht zufällig, sondern bezieht sich auf die Penta-Elemente, die den Mikro- wie den Makrokosmos definieren. 

Ihre Frauenbildnisse stellen jedoch nicht einen bestimmten Schönheitstyp dar. Was der Künstlerin viel mehr vorschwebt, ist die Wesenheit des Schönen an sich, wie es Platon definierte, es sind die „Urbilder, die werdelos über allem Werden stehen“ (Karl Jaspers). Im nur angedeuteten Lächeln verweist Lo Mei Hing auf die Flüchtigkeit des Schönen und hält zugleich in der Leichtigkeit des Ausdrucks das Unergründliche im Dasein wie ein Fragment der Unvergänglichkeit fest.

Christine Mathà