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Kunst & Kultur
27.01.2010

Franzensfeste, wohin?

Nach den kulturellen Großveranstaltungen „Manifesta 7“ und Landesausstellung 2009 stellt sich nun die Frage, wie die inzwischen weitgehend renovierte Festung Franzensfeste in Zukunft genutzt werden soll. Was ist in Planung?
Die ehemalige k.u.k. Festung, die nach Kaiser Franz I. von Österreich benannt wurde, hat es in den über 170 Jahren ihres Bestehens nicht weiter gebracht als zu einem recht großzügigen Munitionslager und als Remise für militärisches Gerät. Auch als Schlafstätte für durchreisende Soldaten war sie ganz gut zu gebrauchen, und die Nazis sollen hier angeblich ihre Raubgüter vorübergehend deponiert haben, weshalb man immer noch an den Fund von Goldbarren hofft, die hier noch irgendwo vergraben sein sollen. In kriegerische Szenarien, für die sie ja eigentlich konzipiert wurde, war die Festung jedoch nie verwickelt.

Dieses gewaltige Bauwerk war für die Zivilbevölkerung bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte, wenngleich man von den links und rechts aufsteigenden Bergen einen ganz guten Blick ins Innere der Festung hatte. Die wahre Größe und die vielen teils auch unterirdischen Bereiche waren aber weder einseh- noch abschätzbar.
Seitdem nun die Franzensfeste durch das Land Südtirol vorübergehend für kulturelle Zwecke genutzt werden darf, wurde zunächst aufgeräumt und erforderliche Infrastrukturen wie Heizung, Beleuchtung, Treppen eingebaut sowie die untere und mittlere Festung behindertengerecht mit Aufzügen und Rampen ausgebaut. Die Dächer waren glücklicherweise noch zuvor durch das Militär saniert worden. All diese Arbeiten waren dringend erforderlich, denn bereits ab 19. Juli 2008 war die Festung einer von mehreren Schauplätzen der „Manifesta 7“, der europäischen Biennale für zeitgenössische Kunst. Südtirol erlebte dabei eine kleine Sensation, denn dieses enorme Bollwerk im oberen Eisacktal wurde nach über 170 Jahren zum ersten Mal für die Allgemeinheit zugänglich gemacht und bot auch gleichzeitig eine wirklich große internationale Ausstellung.
Südtirol hatte somit einen neuen Kulturtempel, der einerseits Platz in Hülle und Fülle bietet und dem Besucher neben den Exponaten der jeweils stattfindenden Ausstellung auch die Festung selbst als Kulturgut präsentiert. Der neu gegründete Kulturverein „Oppidum“ bietet seitdem während der warmen Jahreszeit Führungen innerhalb des Festungsgeländes an und zeigt den interessierten Besuchern einige Kuriositäten und auch so manches Geheimnis.

Seit 1969 veranstalten die Länder des historischen Tirols eine gemeinsame Landesausstellung. Diese fand vom 9. Mai bis 30. Oktober des vergangenen Jahres ebenfalls in der Festung Franzensfeste mit dem Titel „Labyrinth :: Freiheit“ statt. Ausgerichtet wurde sie vom Land Südtirol; die Ausstellung gestaltete sich als eine großzügige Kombination aus Dokumentationen, Kunstwerken und Ruhezonen. Das Konzept für diese Ausstellung war über einen internationalen Ideenwettbewerb ermittelt worden. Auf 14.000 Quadratmetern Fläche sah der Besucher 200 Exponate und Arbeiten von mehr als 50 Künstlern aus Südtirol, Tirol, Italien und dem europäischen Ausland. Parallel dazu luden Fotos und Filme, Tonaufnahmen, Maschinen, Plakate, Alltagskleidung und Trachten zur Auseinandersetzung mit dem Thema Freiheit ein. Zur Ausstellung wurde zudem ein vielfältiges Rahmenprogramm geboten, das stets ausgebucht war. In den sechs Monaten ihrer Öffnungszeit konnten auf der Habsburgerfestung über 100.000 Besucher gezählt werden. Besonders gut besucht waren dabei die Familiensonntage sowie die langen Donnerstage, die im Hochsommer angeboten wurden.
Dies alles ermutigt zum Weitermachen, weshalb entsprechende Konzepte gesucht wurden und auch immer noch werden, damit die Festung weiter dem kulturellen Leben erhalten bleibt. „Wir wollen nicht, dass die Großausstellungen der Jahre 2008 und 2009 Eintagsfliegen bleiben, sondern wollen die Franzensfeste kontinuierlich nutzen“, so Landeshauptmann Luis Durnwalder. Und: „Wir wollen eine Begegnungsstätte schaffen, die auch die historische Bedeutung der Franzensfeste begreifbar macht“.
Aus diesem Grund hatte die Landesregierung im vergangenen September beschlossen, die Festung für die kontinuierliche Nutzung fit zu machen. Diverse Gremien und Kulturschaffende wurden aufgerufen, Konzepte zu erarbeiten und Ideen zu liefern. Der Aufruf hat gefruchtet, denn es wurden insgesamt an die 50 Vorschläge eingereicht, die in sorgsamer Arbeit durch den beauftragten Architekten, Künstler, Grafiker und Musiker Benno Simma in einer Studie aufgearbeitet wurden. Diese Studie ist vor einigen Tagen dem Amt für Kultur übergeben worden und wird nun dort evaluiert. Maßgebend sind dabei Faktoren wie Machbarkeit, Finanzierung, Attraktivität und vor allem der künstlerische und kulturelle Aspekt. Somit dürfte genügend Material zur Verfügung stehen, um die Festung in den nächsten Jahren mit kulturellem Leben zu füllen und sie zu einem dauerhaften Ort der Kultur und Kunst zu etablieren.

Bis jedoch eine Entscheidung über die nächsten langfristigen Nutzungskonzepte gefällt wird, soll noch einiges Wasser den Eisack hinunter fließen. „Die Festung soll aber deswegen nicht leer stehen“, erläutert Kulturlandesrätin Sabina Kasslatter Mur. Zwischenzeitlich wurde deshalb die Festungs-Kapelle neu gestaltet und Anfang Dezember feierlich eingeweiht. Zurzeit arbeitet das Bautenressort sowie das Kultur- und Denkmalpflegeressort daran, die bereits bestehende Ausstellung zur Geschichte der Festung zu erweitern. Die geplante Eröffnung im Sommer scheint aber nicht realisierbar zu sein und wird sich wohl etwas verzögern. Die Führungen durch die Festung werden aber weiterhin durch den Verein „Oppidum" angeboten, dank derer ein guter Einblick in das Gewirr aus Gängen und Räumen der Festung gewährt wird.
Neben den langfristigen Nutzungskonzepten gingen und gehen allerdings auch eine Vielzahl von Anfragen für die kurzfristige Nutzung der Franzensfeste ein, wie etwa für Konzerte oder andere kleinere Veranstaltungen. Hierzu bedarf es aber in erster Linie einer gesetzlichen Grundlage, um die Anfragen überhaupt bearbeiten, quantifizieren und qualifizieren zu können. Deshalb wurde von der Landesregierung bereits Ende September ein Gremium eingesetzt, das aus Bauten- und Ressortdirektor Josef March und aus vier ständigen Mitgliedern, nämlich Giovanni Cipolletta (Vizebürgermeister der Gemeinde Franzensfeste), Thomas Klapfer (Präsident des Vereins „Oppidum“), Josef Urthaler (Direktor der Landesabteilung Vermögen) und Waltraud Kofler (Direktorin des Landesamts für Bau- und Kunstdenkmäler) besteht.

Die erste Aufgabe dieses Führungskomitees ist die Erarbeitung dieser allgemeinen Nutzungskriterien für die Festung – eine Art Regelwerk, an dem sich alle künftigen Anfragen und Veranstaltungen orientieren müssen. Die Nutzung der Festung muss dabei in erster Linie im Einklang mit dem Konzessionsvertrag stehen, der mit der Agentur für Staatsgüter besteht und noch bis 2016 läuft. Bis dahin sind unter anderem religiöse und politische Veranstaltungen untersagt, die Identität der Festung soll gewahrt bleiben, die Nutzung muss einen kulturellen Hintergrund haben – und es darf kein finanzieller Gewinn erzielt werden. „Danach wird die Festung endgültig in den Besitz des Landes übergehen, und dann können wir richtig durchstarten“, so „Oppidum“-Präsident Thomas Klapfer.
Ob das Bistro in der Festung geöffnet bleiben darf, wird ebenso überprüft: Vermutlich wirkt sich hier der bestehende Nutzungsvertrag negativ aus, zumal die Festung ein Non-Profit-Unternehmen sein soll. Damit scheidet der Wunsch des Vereins „Oppidum“ aus, das Bistro auch in veranstaltungsfreien Zeiten kontinuierlich zu öffnen. Eine Bewirtung während laufender Veranstaltungen ist hingegen geregelt und erlaubt, lässt sich aber bei den wenigen Terminen in diesem Jahr vermutlich logistisch nicht optimal lösen.

Das Gremium kümmert sich künftig auch um die bereits erwähnte Erweiterung der bestehenden Dauerausstellung zur Festung selbst und fungiert als Kontrollinstanz, um die eingehenden Veranstaltungsanfragen aufgrund der genehmigten Nutzungskriterien zu bewerten sowie die inhaltliche und technische Umsetzbarkeit der Programme zu überprüfen. Alle Vorschläge des Gremiums dazu werden an die Landesregierung zur Genehmigung weitergeleitet. Wegen all dieser Umstrukturierungsmaßnahmen wird es somit 2010 ein etwas bescheideneres Programm geben.
So ist bisher an einem Wochenende im April die Landeshegeschau der Südtiroler Jägerschaft geplant, im Sommer wird es ein Jazzfestival geben, und ein großes Maturafest wird von einer Bozner Oberschule ausgerichtet werden. Einer der Höhepunkte wird sicher das von der Theatergruppe Theakos veranstaltete Sommerprogramm sein: Im April, Mai und Juni werden in der Festung mehrere Theaterabende mit Georg Kasers Solostück „Die Bibel – Kleines Welttheater für einen Schauspieler und ein Buch“ zur Aufführung kommen. Darüber hinaus gibt es einige weitere Gespräche mit verschiedenen Vereinen und Institutionen, die auch schon ihr Interesse zur Durchführung einer Veranstaltung bekundet haben. Näheres dazu wird in den verschiedenen Programmen und Veranstaltungskalendern zu erfahren sein.
Die ersten zwei Jahre sind also in jeder Hinsicht sehr erfolgreich verlaufen, das Publikum hat das Programmangebot gut genutzt. Die Verantwortlichen können zufrieden sein und haben dabei sicherlich auch einiges dazu gelernt. Bevor nun die langfristig angedachten Projekte starten und die Auslastung zunimmt, wird man die Zeit in der Franzensfeste sinnvoll nutzen, um die noch zu erledigenden Hausaufgaben zu machen und sich dann auf einen hoffentlich gut funktionierenden Kulturbetrieb einzustellen.