22.06.2009
Kaufleute ohne Nachfolger
Goldiner. Reiserer. Unterhuber. Josef Öhler. Trenkwalder. Astner & Auer. Brugger. March. Bertol. Die Liste der traditionsreichen Kaufleutefamilien, die sich in den letzten Jahren vom Einzelhandel verabschiedeten, wird auch in Brixen immer länger. Am deutlichsten tritt die Generationenproblematik im Lebensmittelsektor zu Tage, auch wenn die Umwälzungen hier schon eine Weile zurückliegen: Kempter, Rienzner, Troi, Auer, Seebacher – die Versorgung mit Lebensmitteln funktionierte zu früheren Zeiten über diese Familien und deren kleine Läden sowie mit der meist unübersehbaren Leidenschaft, die Bevölkerung mit notwendigen Waren zu versorgen und sie auch beim Kauf persönlich zu beraten. Heute ist der Handel mit Lebensmitteln – bis auf wenige löbliche Ausnahmen – in der Hand von einer Handvoll Ketten, die über Angebot und Preise bestimmen. Der Einkauf passiert nicht mehr kapillar im viel zitierten Tante-Emma-Laden um die Ecke, in dem man noch persönlich begrüßt wurde. Um bestimmte Waren zu erwerben, muss man heute im Normalfall überdimensionierte Verkaufsstrukturen aufsuchen, für die man einige Kilometer in Kauf nehmen muss. Eine persönliche Beziehung zwischen Kaufmann und Kunde ist meist nicht Bestandteil des Leitbilds der Konzerne. Ein Preisvorteil für die Kunden hat sich durch die Konzentration auf wenige Player im Lebensmittelbereich auch nicht unbedingt eingestellt. Ganz im Gegenteil: Wenn ein Konzern 80 Prozent des Lebensmittelmarktes in Südtirol beherrscht, hat er wenig Motivation, die Waren zu möglichst günstigen Preisen anzubieten. In Fachkreisen ist längst bekannt, dass das Niveau der Lebensmittelpreise in Südtirol neben Österreich zu den höchsten in ganz Europa zählt.
Außerhalb des Lebensmittelsektors haben indes längst multinationale Franchise-Ketten die Stelle der bunten Läden à la Öhler oder Goldiner eingenommen. Ob man nun in Rio de Janeiro, New York, London oder Frankfurt durch die Shoppingmeilen läuft oder durch Brixens Altstadt flaniert – die Logos der Marken sind dieselben, die Waren ebenso, und meist ist sogar der Preis der einzelnen Teile weltweit identisch. Wie soll man aber ohne Einzigartigkeit des Angebots die Attraktivität einer Altstadt – auch für die für den Handel so wichtige Zielgruppe des Tourismus – erhalten?
Jedes Mal, wenn eine Kaufleutefamilie ihren Betrieb schließt, geht also ein Stück Brixen verloren, und die Bevölkerung empfindet dies genauso wie der Gast, der die sichtbare Globalisierung der Märkte meist ebenfalls nicht goutiert. Ist das langsame Verschwinden der alten Kaufleutetraditionen aber eine normale Entwicklung, ein Trend, den es immer schon gegeben hat, oder hat sich die Situation der Kaufleute in den vergangenen Jahren derart verschlechtert, dass es für die Väter schwierig geworden ist, den Töchtern und Söhnen gute Argumente für eine natürliche Nachfolge zu präsentieren?
Michael Kerschbaumer,
Geschäftsführer im Kaufleuteverband hds in Brixen, zieht dieses Thema Sorgenfalten ins Gesicht: „Wenn heute ein Kaufmann ins Pensionsalter kommt, rät er im Normalfall seinen Nachkommen, einen anderen Beruf zu ergreifen – das ist die ernüchternde Realität“. Ein Blick hinter die Ladenkassen scheint diese These zu beweisen: „Zählen wir nach: Wie viele Kaufleute gibt es in Brixen, die jünger als 35 sind? Uns ist der Nachwuchs abhanden gekommen, und das ist kein gutes Zeichen für eine gesunde Entwicklung des Einzelhandels“, sagt Kerschbaumer. Sprich: Der Handel rentiert sich nicht mehr. Im Würgegriff zwischen hohen Kosten, immer kleiner werdenden Margen bei immer größerem Warenlager, verändertem Konsumverhalten der Kundschaft, großem bürokratischen Aufwand und – durch die Sektorenstudien – oft vollkommen ungerechtfertigtem Steueraufwand hat der Kaufmann alles andere als ein ruhiges Leben. „Wir alle riskieren unsere Existenz“, sagt ein Kaufmann, der nicht genannt werden möchte, „das unternehmerische Risiko ist enorm“.
Die Wahrnehmung der Öffentlichkeit von der Situation des Einzelhandels ist in etwa diametral entgegengesetzt: Allzu leichtfertig rechnet der Kunde dem Kaufmann vor, wie viel er bei der von ihm praktizierten Preispolitik verdient. Der Kaufmann ist, wie der Volksmund sagt, jemand, der sich „auf Kosten der Kunden bereichert – und zwar gewaltig“.
„Das Image der Kaufleute in der Bevölkerung entspricht schon lange nicht mehr der Realität“, gibt Helmut Kerer zu bedenken, der vor über 30 Jahren von seinem Vater das Haushaltswarengeschäft in der Erhardgasse übernommen hat und heute die Hoffnung noch nicht aufgeben will, dass eine seiner Töchter nach seiner Pensionierung den Betrieb in dritter Generation weiterführen wird. „Früher – ja, früher hat man noch gut verdient als Kaufmann“, erinnert er sich. „Heute kommen wir eben gerade so über die Runden“. Der stets positiv denkende ehemalige Stadtrat für Handel will „nicht jammern, das ist nicht mein Stil“. Aber: „Die Rendite hat sich wirklich maßgeblich verändert in den letzten drei Jahrzehnten“.
Dass sich der Handel in einem Städtchen wie Brixen oft nicht mehr zu rentieren scheint, beweist auch ein Blick auf die ständig sich wandelnden Marken der Läden. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein neues Geschäft öffnet. Sehr oft schließt der Laden wieder nach relativ kurzer Zeit – „man merkt schnell, ob das Angebot beim Konsumenten Anklang findet oder nicht“, sagt ein Kaufmann, der seit einigen Monaten eine neue Marke in Brixen einzuführen versucht. Bis jetzt rechnet sich seine Initiative nicht – eine Kostendeckung liegt noch in weiter Ferne, und so überlegt er nun, Marke zu wechseln.
„Wir sind ein Dorf“, sagt Hanspeter Federer, der vor kurzem Hans Astner als Obmann der Brixner Kaufleute ersetzt hat, „aber wir tun so, als wäre Brixen eine Stadt“. Die Mieten für Geschäftslokale seien entsprechend horrend, sagt er, das Einzugsgebiet ist beschränkt, die unmittelbare Konkurrenz mit Bozen, Bruneck und Sterzing für die Brixner leicht und gut erreichbar, das Angebot groß. Ein Wert aus dem Jahr 2004 bestätigt seine Aussage: In der Gemeinde Brixen gab es damals 376 Verkaufspunkte mit einer Gesamtfläche von 42.325 Quadratmetern. Pro tausend Einwohner ergab dies rund 2.200 Quadratmeter Verkaufsfläche – der Landesdurchschnitt liegt bei 1.500 Quadratmeter. Die Zahlen beweisen: Brixen ist eine ausgesprochene Handelsstadt, die aber weniger als die Hälfte ihres Umsatzes mit Brixnern generiert. Die Anzahl der Verkaufspunkte ist in den vergangenen Jahren übrigens leicht rückläufig.
In den Nachkriegsjahren genoss der Kaufmann noch hohes Ansehen, weil er die Bevölkerung mit Gütern versorgte, die sie zum Leben dringend brauchte. Kundenorientierung war schon deshalb eine Selbstverständlichkeit, weil „die Zeiten hart waren und jeder jedem weiterhalf, wo es nur ging“, erinnert sich ein Kaufmann in Ruhestand. Die „Büchlein“, in denen jeden Tag die Einkäufe notiert wurden, waren gang und gäbe. Bezahlt wurde oft erst, sobald der Kunde wieder flüssig war. In den Siebzigern kam der Aufschwung – „ein Kaufmann in der Altstadt konnte in diesen Jahren nicht viel falsch machen“. Die Leute verdienten gut, der Fiskus war bis zur Einführung der Mehrwertsteuer schlecht organisiert, das restriktive Lizenzwesen sorgte für einen Gebietsschutz, und „die Kaufleute kamen zu einem gewissen Reichtum“. Einige behaupten heute gar, man hätte mit einem Laden in der Altstadt in diesen Jahren „in der Regel so viel verdient, dass man sich jedes Jahr den Kauf einer kleinen Wohnung leisten konnte“. Die Immobilienpreise waren allerdings damals auf einem vollkommen anderen Niveau als heute.
„Die Rahmenbedingungen stimmen nicht mehr“, sagt Federer. Brixen sei verkehrsmäßig schlecht erreichbar, und „kaum ist der Kunde in der Stadt, wird er beim Parken geschröpft“. Und: Wehmütig denkt er an die Zeit vor der Liberalisierung im Lizenzwesen zurück: „Wenn ich alles liberalisiere, bleibt nur noch ein Chaos übrig“, bringt er die jetzige Situation auf den Punkt. Aus heutiger Sicht „hatte der Gebietsschutz schon seinen Sinn“, sagt Federer, „denn zumindest haben wir uns nicht gegenseitig kaputtgemacht“. Will sagen: Bei hohen Renditen ist mehr Konkurrenz im Sinne des Kunden wünschenswert, im Überlebenskampf aber eher hinderlich.
Der Handel war bis vor wenigen Jahren in der Tat sehr restriktiv geregelt. Es gab nicht weniger als 64 Warengruppen, und jedes Geschäft besaß eine Lizenz für jene Waren, die verkauft werden durften. In der Gemeinde bestimmte die Lizenzkommission, ob ein neues Geschäft mit der gewünschten Warengruppe öffnen durfte. Dabei berücksichtigte die Kommission, ob es in der Nähe ein bestehendes Geschäft mit derselben Warengruppe gab – im Fachjargon nannte man dies „Kontingenzplanung“. Stellte sich heraus, dass eine zusätzliche Lizenz die Kaufleute allzu sehr unter Druck setzen würde, wurde sie eben nicht erteilt. Dies führte zur skurrilen Situation, dass eine Lizenz einen hohen Handelswert hatte – trotz der Tatsache, dass sie offiziell nicht gehandelt werden durfte. Veräußerte ein Kaufmann sein Geschäft, gab es „vier Werte“, erinnert sich Helmut Kerer: „die Mauern, die Einrichtung, das Warenlager – und eben die Lizenz“, die offiziell kostenfrei den Besitzer wechselte. Inoffiziell sind aber für das Stück Papier und für den sprichwörtlichen „avviamento commerciale“ oft Dutzende Millionen Lire geflossen.
Vor einigen Jahren kam dann die Revolution im Handel, deren Folgen man nicht absehen konnte: Warengruppen reduzierten sich auf „Lebensmittel“ und „Nicht Lebensmittel“, der Gebietsschutz wurde aufgehoben, die Lizenz für Läden bis zu 150 Quadratmeter nicht mehr notwendig. „Die Abschaffung der Warengruppen war sinnvoll“, sagt Kerer heute, „weil der Konsument inzwischen eine möglichst große Warenpalette verlangt“. Dass jemand ein bis zu 150 Quadratmeter großes Geschäft lediglich mit einer Mitteilung an die Gemeinde öffnen kann, hat indes bereits seine ersten Opfer gefordert: Allzu oft kalkulieren die angehenden Kaufleute in einer ersten Euphorie schlichtweg falsch, sie unterschätzen die Kosten und überschätzen die Einnahmen. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen.
„Die Jungen sind nicht mehr bereit, jene Opfer zu bringen, die die Väter noch in Kauf genommen haben“, sagt Hanspeter Federer, und darin liegt seiner Meinung nach der primäre Grund für die Nachfolgeprobleme bei den Kaufleuten. „Wir arbeiten sechs Tage pro Woche, von früh bis spät, und viele müssen außerhalb der Geschäftszeiten noch Buchhaltung und Büroarbeiten erledigen“. Sprich: Der Beruf des Kaufmanns ist im Wettbewerb mit anderen Berufsbildern nicht mehr attraktiv genug. Die größte „Konkurrenz“ scheinen wieder einmal öffentliche Arbeitsplätze zu sein: „Eine nette Stelle in der Gemeinde oder beim Land“, sagt Kerer, „bringt ein verhältnismäßig hohes Gehalt, ein Wochenende, das oft am Freitag Nachmittag schon beginnt, Sicherheit und soziale Privilegien“.
Und trotzdem: „Kaufmann ist nach wie vor ein Traumberuf“, sagt Helmut Kerer. Er genießt „vor allem den täglichen Kontakt mit den Menschen“. Als Kaufmann wird man heute nicht mehr reich, aber „was soll’s? Es reicht für ein mittelbürgerliches Leben. Große Sprünge kann man sich nicht mehr leisten, aber man hat trotzdem viel Genugtuung und eine gewisse Sicherheit“. Wie jeder Unternehmer, sollte auch der Kaufmann besonders in schwierigen Zeiten wie diesen „mit einer Menge Optimismus in die Zukunft blicken“.
In der Tat könnte die derzeitige Weltwirtschaftskrise neben ihren erwarteten negativen Auswirkungen möglicherweise auch Positives für den Einzelhandel bringen: „Wir merken, dass sich endlich wieder mehr Leute als Lehrlinge bewerben“, sagt Hanspeter Federer. Vor allem aber „steigt auch bei den Kunden eine gewisse Sensibilität für Waren mit gesicherter Herkunft“. War vor ein paar Jahren noch die Schnäppchenjagd nach in China produzierten Waren trendy, „nehmen die Kunden heute eher einen etwas höheren Preis in Kauf, wenn das Teil eben nicht ‚made in China’ ist“. Genauso erkennen immer mehr den Wert eines funktionierenden Handels in unmittelbarer Nähe: „Was nützt es, wenn ich heute meine Jeans in Innsbruck um 10 Euro günstiger bekomme, und morgen sperrt der Laden um die Ecke zu, in der meine Freundin als Verkäuferin arbeitet?“
Auch scheint der Ruf nach großen Einkaufsstrukturen in letzter Zeit etwas leiser geworden zu sein, auch wenn man in Bozen nach wie vor nach einem Einkaufszentrum lechzt: „Es ist eine irrige Meinung, dass die Konsumenten mit großen Strukturen günstigere Preise zu erwarten hätten“, sagt Federer, „man braucht sich nur in Österreich oder Deutschland umzusehen“. Seine Vision ist nach wie vor eine „Altstadt, die als attraktives Einkaufszentrum wahrgenommen wird, in dem das Einkaufen zum Erlebnis wird“. Dazu benötigt der Handel nicht nur eigenes Engagement und eine perfekte Zusammenarbeit mit der Gastronomie, sondern auch Rahmenbedingungen, von denen in erster Linie nicht der Kaufmann, sondern der Kunde profitiert, und für die die Politik zuständig ist: „Dass man heute noch über die offensichtliche Sinnhaftigkeit des Mittelanschlusses diskutiert, ist ein Skandal“, sagt ein Kaufmann, denn schließlich rücke damit die Altstadt gefühlt näher. Und: „Der Auto fahrende Kunde darf keine Melkkuh der Gemeinde sein“, ärgert sich Federer über die durch ständigen Stau schlechte Erreichbarkeit der Stadt und über überzogene Parkplatzgebühren. Auch riskiere die Altstadt auszusterben, wenn immer mehr öffentliche Ämter in die Peripherie ausgelagert würden.
„Handel hat Zukunft!“ – während in Deutschland gerade das Modell der Einkaufszentren à la Karstadt oder Hertie scheitert, die in der Vergangenheit den Tod vieler kleiner Läden verursacht haben und jetzt mit Steuergeldern gerettet werden wollen, könnte das Modell „Altstadt“ mit seinen kleinen Läden auch in Zukunft die notwendige Flexibilität besitzen, um auch einmal eine Krise zu überstehen: „Wenn ein Konzern einen Umsatzrückgang von 5 Prozent hat, geht er schon in die Insolvenz“, bringt Federer es auf den Punkt, „der kleine Kaufmann hingegen verzichtet dann eben mal auf seinen Urlaub…“.