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Brixen & Umgebung
25.09.2008

"Wir brauchen mehr Mitverantwortlichkeit“

Das Thema Jugendgewalt in Brixen bleibt aktuell: Vor kurzem hat ein Fall von außergewöhnlicher Aggressivität mediale Wellen geschlagen. Josef Pichler, Direktor der Sozialdienste der Bezirksgemeinschaft Eisacktal, und Sprengelleiter Thomas Dusini über Jugendgewalt, deren Ursachen und die Situation in Brixen.

Herr Pichler, hat Aggression und Gewalt unter Jugendlichen in den letzten Jahren zugenommen, oder wird die Gesellschaft dem Thema gegenüber sensibler?
JOSEF PICHLER: Ich denke, dass Jugendgewalt insgesamt etwas zunimmt, das kann man vielerorts beobachten. Auch außerhalb des Landes ist das Thema hochaktuell, man denke nur an die Vorkommnisse in Paris oder letzthin in London. Das Ganze muss man jedoch in einer größeren Zeitperspektive sehen, auch das verstärkte Medieninteresse ist zu berücksichtigen.

Jugendgewalt ist also kein typisches Brixner Phänomen?
PICHLER: Ich möchte die Situation nicht verkennen und auch nicht schönreden, aber es ist gewiss kein Brixner Phänomen. Auch in einigen anderen Südtiroler Ortschaften hat es letzthin ähnliche Fälle gegeben. Die aktuelle Situation in Brixen ist dadurch bedingt, dass sich Jugendliche mit ähnlichem sozialen Background zusammengeschlossen haben, und Aggression ist ein verbindendes Element in dieser Gruppe. Als Sozialdienste versuchen wir mit diesen Jugendlichen in Beziehung zu treten, mit all den damit verbundenen Schwierigkeiten.

Welche Ursachen hat Aggression und Gewalt?
PICHLER: Ich möchte zunächst auf eine Studie aus dem Jahr 2005 verweisen, in der festgestellt wurde, dass 13 Prozent der Jugendlichen in Europa von 2 bis 17 Jahren, Migranten nicht mitgerechnet, innerfamiliäre Gewalt und 8 Prozent  sexuellen Missbrauch erfahren, meist hervorgerufen durch soziale Bedürftigkeit und soziale ökonomische Zwänge.

Ist der soziale Brennpunkt eine Quelle von Aggression und eine Erklärung für die Anwendung von Gewalt?
PICHLER: Zunächst sei festgehalten, dass Gewalt niemals zu rechtfertigen ist! Aber man muss bedenken, dass Aggressionen erlernbar sind oder die Folge von Traumata und schweren Verletzungen psychischer Natur, die auch über mehrere Generationen gehen können. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das letzte Jahrhundert stark vom Darwinismus geprägt war, sowohl in der Wissenschaft als auch in der Gesellschaft: „Leben ist Kampf“ war ein Grundmotto dieser Denkweise. In den letzten 20 Jahren hat es in der Neuropsychologie und Neurobiologie viele neue Erkenntnisse gegeben, und zwar, dass der Mensch eigentlich nicht „homo hominis lupo“ ist, sondern dass der Mensch im Grund den anderen braucht, um zu kooperieren. Bei Kindern und Jugendlichen kann man sehr häufig sehen, dass sie aggressiv reagieren und auf das Mittel der Gewalt dann zurückgreifen, wenn sie Angst haben, dass Beziehungen zu Ende gehen oder Bindungen abgebrochen werden.

Jugendgewalt steht häufig in Verbindung mit dem Thema Immigration. Neigen junge Migranten eher zu aggressivem Verhalten?
PICHLER: Bei jugendlichen Migranten fallen verschiedene ungünstige Entwicklungen zusammen: die Entwurzelung von ihrer Heimat, häufig der ökonomische Aspekt und schließlich die Schwierigkeit, zum Gastland und dessen Gesellschaft eine Beziehung aufzubauen. Die Folge ist die Abkapselung und eine Störung in der Beziehung zu der anderen Gruppe. Und immer dort, wo Beziehungen gestört sind, entstehen leichter Konflikte – vor allem, wenn man die Kommunikations-Instrumente nicht kennt oder nicht nutzen kann.

Ist also die Ausgrenzung der Migranten die Basis für Aggression?
PICHLER: Man muss das sicher mit Vorsicht sagen. Man weiß aber, dass Ghettoisierung und Abgrenzung als Vorläufer gelten für das, was sich dann auf der Verhaltensoberfläche als Aggression und Gewalt zeigt. Hier liegt eine große Gefahr. Auch sozial Schwache fühlen sich oft ausgegrenzt und verbünden sich, wie wir auch in Brixen sehen konnten, mit jungen Migranten, weil sie eben etwas gemeinsam haben.

Gewalt und Aggression ist also bedingt durch das soziale Umfeld und hat keinerlei genetische Veranlagung?
PICHLER: Absolut! Wenn wir vom Ansatz ausgehen würden, dass Aggression und Gewaltbereitschaft genetisch veranlagt wären, müssten wir die Leute wegsperren. Das hatten wir ja bereits in der Vergangenheit. Die Wissenschaft hat hier sehr klare Erkenntnisse. Aggressives Verhalten ist erlernbar oder angelernt. Unter anderem haben die Leute heute sehr oft wenig Zeit für ihre Kinder. Diese werden dann häufig über die Medien erzogen. Auch das Thema der Gewaltvideos ist meiner Ansicht nach bisher unterbewertet worden. Vieles von dem, was Kinder erfahren, verankert sich in ihrem Gehirn. Es gibt neben dem intellektuellen so etwas wie ein soziales Gedächtnis. Auch hier weiß man, dass sich verschiedene Traumata und negative Erfahrungen stark einprägen. Und wenn diese nicht verarbeitet werden, transformieren sie sich.

In Bayern läuft gerade eine Debatte über ein neues Gesetz zu Computerspielen, die Gewalt zum Inhalt haben. Welche Auswirkungen haben diese so genannten Killerspiele oder auch Gewaltvideos?
PICHLER: Ich denke, dass man das Thema ernst nehmen muss. Kinder und Jugendliche nehmen bei diesen Spielen visuell und akustisch wahr, dass man einfach jemanden tötet, dieser fällt um, steht wieder auf und fällt wieder um; es ist alles ein Spiel. Bedenklich wird es, wenn die sozialen Beziehungen und der innerfamiliäre Austausch fehlen, wenn keinerlei Verantwortung da ist. Dann fällt es zunehmend schwerer, zwischen Realität und Spiel zu unterscheiden.

Gewalt ist nicht neu. Kann man davon ausgehen, dass die Medien Auswirkungen auf die Form von Gewalt haben?
PICHLER: Ja, davon gehe ich aus. Medien können durchaus inspirierend wirken! Es gibt mittlerweile zahlreiche Untersuchungen dazu, und die aktuelle Debatte dreht sich vor allem darum, wie man dem Phänomen gegenüber angemessen reagieren sollte.

Wie muss man dem Phänomen der Gewalt allgemein, aber auch konkret im Brixner Kontext begegnen?
PICHLER: Die Erwartungen sind sehr hoch, wie man in Brixen derzeit auch merkt. Man glaubt, mit kurzfristigen Aktionen das Problem lösen zu können, mit einem Streetworker etwa, ganz nach dem Motto „Deckel drauf und zu“. Menschen sind aber nicht kurzfristig änderbar. Hier braucht es langfristige Beziehungsarbeit, die umso schwieriger ist, weil oft kein familiäres Umfeld vorhanden ist, auf das man bauen kann.

Wo können die verschiedenen Institutionen ansetzen?
PICHLER: Ich glaube, es geht vor allem darum, ein gesellschaftliches Bewusstsein unter den verschiedenen Fachdiensten zu schaffen, von den Sozialdiensten über die Jugendarbeit, dem Jugendgericht, der Familienberatung, die im Aufbau begriffene Kinder- und Jugendpsychiatrie, dem Psychologischen Dienst und nicht zuletzt auch die Schule.

An die Schule werden bereits hohe Erwartungen geknüpft…
PICHLER: Die Schule ist heute sehr gefordert. Neben der Wissensvermittlung wird sie zunehmend auch als persönlichkeitentwickelnder Raum gesehen. Hier kommen Kompetenzen ins Spiel, wo man meinen möchte, dafür wären eigentlich die Eltern zuständig. Das gegenseitige Hin- und Herschieben von Zuständigkeiten löst aber nicht das Problem. Kinder brauchen stabile Beziehungen, damit sie sich entwickeln können und ein Grundvertrauen da ist.

Prävention kann also nur langfristig erfolgen?
PICHLER: Ja, aber natürlich muss auch kurzfristig gehandelt werden. Die Öffentlichkeit wünscht sich, dass es diese Dinge nicht gibt, dass sie schnellstmöglich wieder von der Bildfläche verschwinden. Das ist mehr als verständlich. Letztlich gibt es ja auch Verantwortlichkeit dafür, nicht zuletzt bei den Eltern, die in dieser Hinsicht mehr gefordert werden müssen.

Wie stellt sich die Situation in Bezug auf so genannte Problemfälle in Brixen konkret dar?
PICHLER: Es gibt eine kontinuierliche Steigerung im Bereich des Kinderschutzes. Hier agieren die Sozialdienste in Absprache mit dem Jugendgericht. Wenn nötig, müssen Kinder von ihren Eltern getrennt werden, wenn diese ihren Pflichten nicht mehr entsprechend nachkommen. Gewalt und Missbrauch von Kindern und Jugendlichen nehmen laufend zu. Nicht alle Fälle gehen auf diese Ursachen zurück, aber leider liegt die Steigerungsquote im zweistelligen Bereich. Damit kommen natürlich auch neue Herausforderungen auf die Sozialarbeit zu. Diese hat sich in den letzten zehn Jahren insgesamt sehr stark verändert, mit vielen neuen Aufgabenbereichen und neuen Phänomenen, die dem gesellschaftlichen Wandel zugrunde liegen.

Klingt beunruhigend.
PICHLER: Es ist beunruhigend, wenn man bedenkt, dass Sozialarbeit auch Mittel braucht und die Mittel insgesamt knapper werden. Positiv ist zu verzeichnen, dass im letzten Jahr die Fachambulanzen für psychisch erkrankte Kinder- und Jugendliche entstanden ist.

Im Zusammenhang mit Jugendgewalt wird sehr oft Kritik an der Exekutive geübt. Wie funktioniert die Zusammenarbeit der Institutionen?
PICHLER: Wir befinden uns hier im typischen mitteleuropäischen Dilemma: Sozio-sanitäre Dienste üben sich häufig in Abgrenzung. Das ist das Übel der ganzen Geschichte. Im Grunde arbeiten alle am Gleichen, nämlich am Menschen. An der stärkeren Vernetzung der Dienste wird aber gearbeitet. Mit der Exekutive haben wir als Sozialdienste regelmäßigen Kontakt und tauschen uns über vieles aus. Die Zusammenarbeit klappt insgesamt sehr gut.
Bei dem Brixner Fall von einem sehr jungen Gewalttäter kann die Exekutive offensichtlich nichts unternehmen. Das können die Bürger nicht verstehen.
THOMAS DUSINI: Tatsächlich ist es der Bevölkerung sehr schwer vermittelbar, wenn Kinder unter 14 Jahren Dinge anstellen und man dagegen polizeilich keine Handhabe hat. Strafrechtlich muss man warten, bis die Person 14 Jahre alt ist, um eingreifen zu können. Dies mag für den Laien unverständlich sein, ist aber nun mal Teil der Strafgesetzordnung. Als Sozialdienste sind wir mit dem Problem gleichermaßen vor eine Herausforderung gestellt. Wenn kein Zwangskontext besteht, ist man auf den guten Willen angewiesen.

Die Mühlen der Justiz laufen jedoch sehr langsam. Wenn die Strafe nicht unmittelbar auf das Vergehen folgt, fehlt die disziplinarische Konsequenz.
DUSINI: Das ist in der Tat so! Wenn die Strafe nach vielen Monaten erst folgt, hat sie praktisch keine Wirkung mehr. Dieses Problem gibt es in vielen Ländern. Natürlich sollte auf die Tat unmittelbar die Bestrafung folgen, um einen Lernprozess zu ermöglichen. Das ist auch für den Täter sehr wichtig.

Herrscht hier eine Lücke im System?
PICHLER: Der von den Medien beschriebene Fall vor wenigen Wochen hat diese Lücke sehr deutlich aufgezeigt und zwei wichtige Phänomene beschrieben: auf der einen Seite die Mutter des Opfers, die mit völligem Unverständnis auf die Nichtbestrafung reagiert, und auf der anderen Seite die Familie des Täters, die eine gesellschaftspolitische Rechtfertigung versucht. Die Gewalt ist nie zu rechtfertigen, und die Person, die sie begangen hat, muss dafür zur Rechenschaft gezogen werden. In gleichem Maße aber muss die gesellschaftliche Situation zum Nachdenken anregen.
DUSINI: Und diese Situation muss anregen, verstärkt auf Prävention zu setzen, auch und vor allem mittel- und langfristig.

Wie sieht diese Prävention konkret aus?
PICHLER: Alle Akteure müssen verstärkt zusammenarbeiten, müssen vernetzt agieren. Ein wichtiger Partner scheint mir vor allem die Kinder- und Jugendpsychiatrie zu sein. Mittelfristig kann auch das Projekt der „Aufsuchenden Kinder- und Jugendarbeit“ hier wichtige Arbeit leisten, das die Bezirksgemeinschaft in Zusammenarbeit mit dem Jugendhaus Kassianeum demnächst startet. Diese Maßnahme wirkt jedoch nur längerfristig, weil Beziehungsarbeit seine Zeit braucht und nicht von heute auf morgen Erfolge liefern kann. Beziehungen können nicht diktiert werden, für Beziehungen muss man werben.
Ist das Problem langfristig kontrollierbar?
PICHLER: Die Situation in einigen europäischen Großstädten ist mittlerweile beängstigend. In einer Kleinstadt wie Brixen mit seiner Überschaubarkeit hat man jedoch die Chance, diese Phänomene stark einzugrenzen. Aber dafür braucht es Mittel, und das Bewusstsein, dass die Präventionsarbeit nur längerfristig Erfolg bringen kann.

Was erwartet uns also im Zusammenhang mit dem Thema Gewalt? Und inwiefern können wir aus Fehlern lernen?
PICHLER: Zunächst müssen wir versuchen, die Gefahr der Ghettoisierung und der Verdrängung des Problems aufzuzeigen. Wir müssen bewusst machen, dass diese Verhaltensweisen da sind, dass Gewalt und Aggression ein großes Thema sind. Wir müssen des Weiteren versuchen, zu den Akteuren wieder massiver Beziehungen herzustellen und die einzelnen Verantwortungsträger wieder mit ins Boot zu holen, angefangen bei den Jugendlichen, aber auch bei deren Eltern. Gleichzeitig braucht es das bereits erwähnte Netzwerk der verschiedenen Fachdienste. Das Schlimmste, was wir tun könnten, wäre, das Problem auszusitzen und zu hoffen, dass es von selbst wieder verschwindet. Gerade die Gewaltausbrüche in den Großstädten werden häufig durch unsere Kultur des gegenseitigen Umgangs miteinander interpretiert. In diesem Zusammenhang etwa plädiert der deutsche Psychiater Joachim Bauer vehement für eine neue Gemeinschaft der Mitverantwortlichkeit. In vielen Gegenden und Stadtteilen Deutschlands hat man bereits sehr gute Erfahrungen damit gemacht, wenn Bürger mehr Mitverantwortung tragen. Das beginnt bei so banalen Dingen wie der Planung von Spielplätzen. Dadurch wird wieder mehr Gemeinschaft gelebt, und Gemeinschaft setzt auch gegenseitig die nötigen Grenzen, die manchmal fehlen. Daran sollten wir wieder mehr arbeiten.